III Das Strassendorf

Als eigentliche Ufersiedelung entstanden, wandelte sich Rorschach zum Strassendorf. Anfänglich bestand wohl eine einzige Häuserreihe von primitiver Bauweise ohne bestimmten Zusammenhang. Jedem Garten auf der Südseite entsprach ein Uferplatz. Auf diesen Vorplätzen längs der Wasserfront wickelte sich ein erster bescheidener Verkehr ab. Als älteste «Strasse» diente also der schmale Uferstreifen, wie wir dies von unzähligen See- und Meerorten her kennen. Der See bedeutete den Bewohnern des äbtischen Rorschach unvergleichlich mehr als den heutigen, besonders in wirtschaftlicher, weniger in ideeller Beziehung. Er spendete ja nicht nur Fische, er bot leichten Verkehr mit allen Nachbarn, vor allem zu den zahlreichen «überseeischen» Besitzungen des Klosters St.Gallen, er wies den Weg zum süddeutschen Korn, zu Schiffahrt und Handel, zu wirtschaftlichem und kulturellem Austausch mit allen Anrainern seiner weiten Fläche. In der Tat liefen um 1794 die vier Inhaber des Rorschacher Schiffahrtslehens mit wechselndem Glück alle wichtigeren Bodenseehäfen an. Wann die Rorschacher ihren Uferstreifen durch Auffüllung genügend verbreitert hatten, so dass sie ihn mit den nördlich der Hauptstrasse stehenden Häusern überbauen konnten, entzieht sich ebenso unserer Kenntnis wie es feststeht, dass sie den Äbten für ebendiese Behausungen auf selbstgewonnenem Grund den Hofstattpfennig zahlen mussten. So sprachen sie allmählich – sicher bezeugt um 1794 – vom Obern und Untern Flecken, worunter man nichts Anderes verstand als die zwei langgestreckten Strassenstücke, die der äbtische Hafenbezirk, als der eigentliche Kern der Ortschaft, verband. Von einer Hauptstrasse konnte man erst sprechen, als im 19. Jahrhundert einerseits die den Ort durchlaufende Verbindung zum Rheintal von der Höhe der Promenadenstrasse an den See verlegt worden und anderseits durch die industrielle Entwicklung manche zweitrangige Durchgangsstrasse (Kirch-, Löwen-, Bäumlistorkel-, Eisenbahnstrasse) entstanden war.

Fast alles, was dieser Ausschnitt des Rothschen Stichs umfasst, gehört noch in den Bereich des mittelalterlichen Hofetters. Seine Grenze verlief hinter den Häusern rechts an der Mariabergstrasse empor zur Schmittenbrücke, wandte sich nach Osten dem Kirchweg als dem ältesten und kleinen östlichsten Stück der Kirchstrasse entlang bis zum Mühlbach, dem sie nach Süden folgte. Von Kirchweg und Hauptstrasse und dem Mühl- und Heiderbach umgrenzt, liegt, einer kleinen Vorstadt ähnlich, doch gar nicht vorstädtisch dem eigentlichen Wesen nach, ein gewichtiges Stück «Altstadt». Im untersten Anstieg erweitert sich der Strassenraum (unterste Mariabergstrasse) zu einem bescheidenen Platz, dem Hengart, in seiner ältesten Form Hangarten (1350), auch Haingarten (=Lustwäldchen) genannt. Hier bot sich ein freier Spiel- und Versammlungsraum für Jung und Alt. Vielleicht versammelten sich hier am Heerweg die alemannischen Markgenossen und die spätem Burger unter ihren Ammännern und hielten Frühjahrs- und Herbstgericht. Mit Kirche, Schulen und den alten Sitzen der einflussreichsten, teils geadelten Kaufmannsfamilien zeigt unser Ausschnitt sozusagen das kulturell bedeutsame Rorschach von damals.

Beginnen wir unsere Wanderung bei der Kolumbanskirche, deren Bau im nächsten Abschnitt gewürdigt werden soll. Über der Westfassade ist noch die Hälfte der I. Kaplanei sichtbar, rechts daneben die II. Kaplanei. In ihr tagen die Gemeindeväter unter Ammann Franz Roman Hertenstein. In diesem Gebäude war auch seit 1676 die Untere Lateinschule untergebracht, die Vorläuferin der Rorschacher Sekundärschule, die somit auf eine 285jährige Entwicklung zurückblicken kann. Auf der linken Seite des Kirchplatzes, hart am Mühl- oder Schulbach, erkennen wir das Grafsche Haus, das noch keinen Treppengiebel trägt. Nachdem es die Blarer von Wartensee in Besitz gehabt hatten, wurde es bis 1806 als Pfarrhaus verwendet. Neben dem noch heute in Gebrauch stehenden Messmerhaus, das die ältesten Rorschacher Schulräume barg, folgt, in seinem untern Teil vom Hoftorkel verdeckt, das Schulhaus.

Wenn wir die südlichen Häuser an der Hauptstrasse verfolgen, srossen wir gerade auf die bedeutendste und weitest verzweigte Rorschacher Kaufmannsfamilie. «Rathaus und Falken»3a mit Hintergebäuden und Lustgärten gehören Pfalzrat Franz Josef Anton von Bayer (1740 bis 1820). Diese schöne Häusergruppe wurde 113 Jahre früher von seinem Ahnherrn Ferdinand Bayer erbaut. Franz Josef Anton besitzt auch den zweiten der Hofgärten von links (südlich der Kirchstrasse) mit dem zweistöckigen Lusthäuschen. Er erbaute 1786 den breiten Mansardenbau (Bildecke links unten), in dem jetzt sein Vetter Pfalzrat Josef Ferdinand von Bayer (1737-1800) residiert und in dessen östlicher Flucht der Erbauer seinen Pferdestall untergebracht hat. Dieses schöne Handelshaus sollte ab 1816 katholisches Pfarrhaus werden.

Die nächsten zwei Häuser, deren eines den bekannten Kaufmannserker (Cinema Eden) trägt, waren zu Anfang (1655) im Besitze der Beamtenfamilie Buol4 Zur Zeit des Kupferstichs hat sie Kommissarius Josef Ferdinand Albert von Bayer (1742—1803) in Verwaltung, der jüngere Bruder des Besitzers von «Rathaus und Falken», die man vereint auch das Obere Bayersche Haus nennt. Ferdinand Albert gehört auch das «Kettenhaus» nebenan, das, mit den herrlichen südlichen Gärten bis zum Kirchweg, samt 112 Pferdeställen und Remisen, als Gründung der Pillier gilt. Der Besitzer des Kettenhauses nennt auch das Landeshauptmännische Haus (Engelapotheke) sein eigen. Von den Hofgärten gehört ihm der fünfte von links. Als ausgezeichnete Kaufleute verstanden es die von Bayer, sich einen umfangreichen Besitz zu sichern und sich als äbtische Berater, Beamte und Geldverleiher Einfluss zu verschaffen. Der erste, Wendelin aus Biberach, seines Zeichens Schneider, wohnte mit seiner kinderreichen Familie in einem Hause, mit dem ihn 1514 Abt Franz von Gaisberg belehnte. Zwei weitere Vertreter der Familie wohnen am Hengart: Georg Wendelin, Sohn des Pfalzrates Franz Ignati von Bayer (1696-1778), lebt mit Bruder im väterlichen Besitztum, im sog. Untern Bayerschen Haus «Im Hof» (Bildecke rechts unten). Diese beiden verfügen auch über das oberhalb stehende Amrhynsche Haus5 samt den dahinter liegenden Gärten und Bestallungen.

Wenn wir uns vom Kettenhaus westwärts wenden, folgen zunächst bis zum Haiderbach fünf aneinander gebaute Häuser. Sie gehören einem Caspar von der Trave, der auch den dritten (immer von links) Hofgärten besitzt, Schneider Franz Josef Büchler, Perückenmacher Carl Holzherr, Faktor Hautinger (Haus zum «Engel») und dem obgenannten Kommissarius von Bayer. Der Letztgenannte ist ein Vetter zweiten Grades des frühern Besitzers, des äbtischen Landeshauptmanns Jörg Ludwig von Bayer (1705-1762), der einst in die Gefangenschaft algerischer Seeräuber gefallen war und von dem das schöne Haus der heutigen Engelapotheke die Bezeichnung «das Landeshauptmännische» trug.

Zwischen Haiderbach und Mariabergstrasse folgen vier mit ihrer Rückseite den Hengart begrenzende Häuser. Der Erker des ersten, dem Leinwandherrn Aloys von Albertis (1765 bis 1835) gehörenden Hauses ist bis heute erhalten und stellt die Taufe Jesu dar. Das zweite Haus ist Statthalter Sebastian Keel zu eigen, das dritte dem Leinwandhändler Gasparini und das letzte Johann Josef Lindenmann.

Die östliche Umrandung des Hengart geht über den Garten des Aloys von Albertis zum Haus des Bernhard Frommenwi ler (heute «Frohsinn»), zu Haus und Stallung des schon einmal genannten Caspar von der Trave und endet mit dem Obern Hoffmannschen Haus. Paul Franz Hoffmann (1624-1707) aus Baden im Aargau, damals die treibende Kraft im Leinwandgeschäft und Vertreter der zweiten bedeutenden Rorschacher Kaufmannsfamilie, hatte dieses Haus mit breitausladendem "Walmdach und barockem Quergiebel (Mariabergstrasse 11) 1672 erbaut. Zur Zeit unseres Kupferstichs wird es von der Familie des Benedikt Martignoni bewohnt, die sich, von Mailand kommend, dem Leinwandhandel zugesellte. Gerade gegenüber, im sog. Curtihaus6 mit seinen Stallungen und dem schönen Garten, hat sich die 1756 aus der Krain zugezogene Familie Gasparini niedergelassen. Die westliche Mariabergstrasse abwärts folgt das Schützenhaus, dessen Schiessstand am äussersten Ende der Gasparinischen Bestallung nicht mehr zu sehen ist. Die Gasparini verfügten über den sechsten und die Martignoni über den achten der sonnigen Hofgärten, über deren Anläge Daniel Frei eine ansprechende Studie geschrieben hat.7 Es ist nachzuholen, dass der erste Streifen dieser ausserhalb des Hofetters gelegenen Lustgärten im Stile des Rokoko dem frühern Zoller und damaligen Löwenwirt Peter Brägger gehörte, der vierte Oberst Keebach und der siebente Marzell Hoffmann von Leuchtenstem, dem Besitzer des Untern Hoffmannschen Hauses (Haus Brugger, Hauptstrasse 48).

In den 1790er Jahren wurde die bisher innegehaltene Baugrenze des Hofetters gesprengt, wovon drei stattliche Bürgerhäuser oberhalb der Schmittenbrugg an der Mariabergstrasse zeugen: links das vielleicht bestproportionierte Rorschacher Bürgerhaus, welches der in der «Bayerschen Handlung» tätige und aus dem Trentino stammende Lorenz Salvini 1790 erbaut hatte (Amtshaus), und rechts zwei um 1794 – also gerade im Entstehungsjahr dieses Stichs – von Baumeister Haag erstellte stilvolle Häuser: Haus «Witta» und Haus Dr. Thürlimann.

Der vom St.Annaschloss herabkommende Haiderbach fliesst bei der Schmittenbrugg unter der Fürstenlandstrasse hindurch. In der nahen, heute noch bestehenden Schmiede, die der Brücke mit dem äbtischen Wappenschmuck den Namen geliehen, schwingt Johannes Pfister den Hammer. Der Schmiede gegenüber träumt eines der alten Rorschacher Arzthäuser, das Hemmersche Haus (Vater und Sohn Hemmer zeigten hier ihr medizinisches Können) von seufzenden und erleichterten Kranken, welche die enge Stiege auf- und abgingen, 1794 bei Dr. Gschwend. Leider fiel dieses Haus einer Uberbauung zum Opfer. Nördlich gegenüber praktiziert die Konkurrenz Marx Anton Rothfuchs, Chirurgus. Das Gebiet des heutigen Lindenplatzes war mit kleinen Häusern, Werkstätten und Stadeln überbaut; drei der letzteren waren in der Hand des schon genannten Kommissarius von Bayer.

Weggelassen in der Beschreibung wurden einige Hinterhäuser, Ställe und Schöpfe. Schliesslich brauchen wir unsere Nase nicht in alles hineinzustecken. Neben der II. Kaplanei steht ein öffentliches Waschhaus der Gemeinde und weiter oben am Mühlbach, noch gut sichtbar, eine Walke, in der durch Stoss, Druck und Reibung, die feinen Rorschacher Leinengewebe verdichtet werden.

3a Vgl. auch Abb. S. 83.

4 Vgl. auch R.G., Das Buolsche Haus - heute «Kino Eden» in Rorschach, RMC 1969/September.

5 Mariabergstr. 8. Vgl. auch R.G., Das Amrhynsche Haus in Rorschach, RMC 1969/ August.

6 Heute Parkplatz. Vgl. auch Anm. 38, S. 102.

7 RMC 1959/Juli.

Weiterlesen im vorherigen / nächsten Kapitel.

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