II Die Rorschacher Flur

Eines muss dem Betrachter des Rothschen Stichs vom Jahre 1794 auffallen: wie geschlossen die Siedlung sich abhebt von der sie umgebenden Flur. Nur an vereinzelten Stellen überschreiten meist landwirtschaftliche oder gewerbliche Häuser den seit dem Spärmittelalter festgelegten Baugrund. Zur Orientierung des Ortsfremden mag es nützlich sein, die Grenzen des vielgenannten Hofetters zu nennen. Anstelle der meist verschwundenen damaligen Namen müssen uns die heutigen dienen. Der einstige Hofzaun zog sich im Grossen und Ganzen um den Reichshof vom Bodan bis zum Bellevue. Beim Haus Im Hof verlief er hinter den westlichen Häusern der untern Mariabergstrasse, dann vor dem Curtihaus zum Amtshaus, der Kirchstrasse entlang zum Mühlbach, diesem entlang hinauf, um die Siedelung bei der Kloster- und Hubmühle herum und wieder hinunter zur letzten Häuserreihe im Oberdorf.

Doch nun hinaus in die Flur! Lustig wirken die gleichmässig über Wiesen und Äcker verstreuten Obstbäume. Man glaubt sich in den Thurgau versetzt. Im durchgehenden Obstbaumteppich klafft eine einzige verständliche Lücke: zwischen Schiess- und Scheibenstand der Rorschacher Musketenschützen. Die Lehenbücher von 1786 verzeichnen bei mancher Hofstatt den «Bommert», worunter man einen gepflegteren Baumgarten verstand. In diesen Zusammenhang stellen wir das alte Rorschacher Geschlecht der Baumgartner. Dem aufmerksamen Beobachter kann es nicht entgehen, dass damals in günstigeren Lagen der Ackerbau den Wiesbau verdrängte. Roth hat die Äcker deutlich abgehoben und enthüllt uns bis in die Wälder hinauf eine Welt des Ackerbaus, die aus unserem Bewusstsein entschwunden ist. Er hat auch die Wirtschaftskarte des Lehenvogts Joseph Nikolaus Ehrat vom Jahre 1790 für Rorschach gestochen.1 Auf ihr widerspiegeln sich diese Verhältnisse noch deutlicher: ein ungefähr vierfaches Überwiegen der Acker über die Wiesenflächen. Heute steht es umgekehrt. Ohne auf die vielerlei Ursachen des Rückganges unseres schweizerischen Ackerbaus einzutreten, sei festgestellt: man pflanzte um 1794 nicht nur allerlei Getreide mit unterschiedlichem Erfolg – das Rorschacher Kernhaus füllte sich mit fremder, süddeutscher Frucht –, sondern viel Gemüse, Hanf und Flachs. Der Rorschacher Bauer verarbeitete oft selbst sein Roherzeugnis. Mit Spinnen und Weben bot sich ihm willkommener Ausgleich zur Feldarbeit. Wenn wir von den aus dem überseeischen oberdeutschen Gebiet eingeführten Leinen absehen, ist er der Erzeuger der im Mittelmeergebiet geschätzten und von den vornehmen Rorschacher Leinwandherren in Handel gebrachten Tela di Rosacco. Noch mehr, er hatte teil am Erfolg dieser ersten Schweizer Exportindustrie. Die Gewebe mussten allerdings genau nach Vorschrift und fehlerlos sein, sonst wurden sie an der äbtischen Schau am Rorschacher Hafen zurückgewiesen und in kürzere Stücke zerschnitten, die nur noch als Ramsch veräussert werden konnten.2

Und nun die Reben.3 Selbst an ausgesprochenen Nordhängen bis zur Terrasse von Mariaberg treffen wir kleine Rebberge, die alle verschwunden sind. Nur der Name «Weinhalde» oberhalb der Feldmühle erinnert noch an den Rorschacher Tropfen, von dessen Güte oder Nichtgüte man sich in manchem Haushalt und in etlichen Gaststätten überzeugen konnte. Zur Zeit unseres Kupferstechers gab es mindestens noch vier öffentliche oder private Weinpressen: den «Bömle Torkel» (Hochhaus Bäumlistorkel), den Hoftorkel (Kirchstrasse 10a), den Salis'schen Torkel (Hauptstrasse 11, östlich des 1979 abgebrochenen Hotels «Seehof») und den Torkel beim «Grünen Baum». Die Traube reifte auch in manchem alten Steinbruch an einer Linie, die sich vom Feldmühlebach an Mariaberg vorbei bis «Rorschach Bahnhof» zieht. Solch nicht mehr benützte Brüche belegen die Flurnamen Steigrüebli (bei der Weinhalde), Hirschgraben (einstige Vertiefung westlich Mariaberg), den zum Spielplatz gewordenen Steinbruch nördlich Mariaberg, die Siedelung Steintal, der Spätische Steinbruch, auch Rusbüge genannt (Wachsbleiche) und die Steingrueb südlich des Scholastika-Quartiers.

Die damaligen Wege in die Rorschacher Flur hinaus zu verfolgen, ist für den Ortskundigen besonders reizvoll. Sie sind durch gewohnte Begehung entstanden und zum Teil heute noch festzustellen. Der bäuerliche Dorfbewohner von ehemals beschränkte die Zahl der Feldwege, um die nutzbare Fläche möglichst wenig zu beeinträchtigen. Der grosse, etwas vom linken Bildrand entfernte Bauernhof und späterer gewerblicher Betrieb unweit des Sees heisst «In der Lauben». Die Laubenstrasse erinnert daran. Bevor die Gruber eine eigene Kirchgemeinde bildeten, waren sie nach Rorschach kirchgenössig. Ihr Kirchweg führte von der Pfarrkirche über die Buechgass (östliche Blumenstrasse) zum Zoll in der Hueb (ehemals Concordia) und kreuzte hier die alte Reichsstrasse. Gemeint ist die Fürstenlandstrasse Wil-Rheintal, die Abt Beda 15 Jahre vor der Zeit dieser Darstellung als eine, man darf schon sagen, europäische Musterstrasse hatte ausführen lassen. Sie durchlief, von Goldach kommend, den untern Flecken und Marktplatz (Hafenplatz) und wandte sich über die Mariaberg- und Promenadenstrasse nach Staad. Wo später in den 1830er Jahren die Staatsstrasse – als Verlängerung der Hauptstrasse – dem See entlang gebaut wurde, gab es damals, wie der Stich zeigt, nur einen schmalen Weg. Wir verfolgen den alten Gruber Kirchweg weiter Richtung Heidenerstrasse, am Haus «Hohenwiel» (Gegend des Krankenhauses) vorbei über den Weiler Hohriet nach Unterbilchen (auf und hinter dem Bergrücken sichtbar). Über Stockwies erreichte er sanktgallisch Grub. Aber vielleicht stellt der in einem Rechtsbogen emporführende Weg oberhalb des «Hohenwiel» den Steilaufstieg nach Hüttenmoos dar. In den oberen Partien des Berges lässt der Stich, wie nicht anders zu erwarten, die topographische Genauigkeit vermissen. Die damals bestehenden Siedelungen am Berg sind durch ein Haus oder zwei Häuser dargestellt und verhältnismässig leicht zu lokalisieren. So finden wir rechts oberhalb «Hohriet» Kolprüti und Fronberg, oberhalb St.Annaschloss Hasehus. Rechts der Bleiche vermuten wir den Weiler Loch, und über ihm von links nach rechts Zellerrain- Büel, Frommenwilen, Chräzeren und Eschlen.

Wir erkennen das Doppelhaus Promenadenstrasse 75/77 (gegenüber dem EW), aber anstelle der Hubmühle und des oberen, später «Mange» genannten Hauses finden wir zwei kleinere Mühlstätten. Eine Leitung auf hohen Stützen führt ihnen das Wasser vom nahe gelegenen Weiher (ehemaliger unterster Seminarweiher) zu. Das gleiche Wasser treibt unterhalb der Fürstenlandstrasse die Klostermühle (heute Gemeinde-Werkschopf). Am Platz des obersten Hauses sollten später die Helfenberger'sche Konstruktionswerkstätte und das Elektrizitätswerk der Gemeinde entstehen. An der Nord- und Ostfront Mariabergs entdecken wir vier Erker, von denen noch zwei übriggeblieben sind. Die drei Häuser vor dem Klostergarten gehören zum alten, erstmals 1276 genannten Kellhof, in dem die Naturalleistungen der Gotteshausleute abzuliefern waren. Das mittlere Gebäude diente 1794 als «Bestallung». Unweit davon, am Burgweg (oberste Signalstrasse), entdecken wir einen von Bäumen flankierten Bildstock.

Südlich Mariaberg erhebt sich über einem Weinberg ein grosses Kreuz. Nach rechts folgt die obere Bleiche samt Biltenriet (baumlose Bleichewiesen südlich und nördlich der Thalerstrasse zwischen Post Rorschacherberg und Rosenegg). Der Name Bleiche besteht heute noch.

Der leicht zu verfolgende Rietbach (Feldmühlebach) setzte die Räder der grossen Feldmühle in Bewegung. Der weiter Rechts liegende Bauernhof hiess Sandgrueb (beim Pestalozzischulhaus) und ist verschwunden. Der untere Verlauf des Baches – im Wohngebiet Bader-, später Ankerbach genannt – lässt sich am Bäumlistorkel vorbei leicht verfolgen. Er wurde schon damals vom Marktplatz an unterirdisch in den See geleitet. Der Bach strömt durchs Schussfeld der Rorschacher Schützen. Die Tradition dieser 1620, mitten im Dreissigjährigen Krieg, gegründeten vaterländischen Vereinigung führt die heutige Feldschützen-Gesellschaft fort. Die Entfernung zwischen Schiessstand (rechts vom Curtihaus) und den drei Scheiben beträgt schätzungsweise zweihundert Meter. Eine Scheibe in kürzerer Distanz trägt das Bild eines aufrechtstehenden Bären.

Die über den Bergrücken und die Tobel herabwallenden Wälder erscheinen nicht viel ausgedehnter als die heutigen. Seit der Güterteilung von 1722 gehören sie den Rorschacher, Rorschacherberger und Gruber Burgern, die einst alle zum Reichshof Rorschach gehört hatten. Auch ohne Forstgesetz trugen sie, bei aller Nutzung, ihren Waldteilen bis heute grosse Sorge.

Im Marktflecken fehlen die Menschen. Das war bei solchen Prospekten üblich. Umso belebter ist die Seeflache. Nehmen wir abermals die Lupe! Eben fährt ein mit Weinfässern vollbeladener Rheinecker Segner im vormittäglichen Seewind – die Schatten deuten auf «vor Mittag» – dem Hafen zu. Alle Mann sind beschäf tigt: es gilt, das gebauschte Segel zu reffen und hinten und vorn zu steuern, um anstandslos die schmale Hafenlücke zu gewinnen. – Das Segelschiff vor der Einfahrt scheint eine Ladung Korn seeabwärts zu befördern, vielleicht nach Steinach oder Arbon. Der Wind ist günstig, der Schiffsführer – ein Bertschi, Fässler, Hämmerer oder Hertenstein - steht am Mast und raucht befriedigt die Pfeife. – In östlicher Richtung ausfahrende Schiffer rudern bei gerefftem Segel gegen den Gutwetterwind. Über den Berg ziehen die letzten düstern Wetterwolken ab. Man darf erwarten, dass den zwei auf Backbord sitzenden Ruderern zwei weitere auf Steuerbord entsprechen. – Der Fischer im Boot links aussen ist im Begriffe, die Netze auszulegen, während sein Begleiter mit dem Stehruder das Fahrzeug langsam fortbewegt. – Den beiden Glücklichen vor dem Kornhaus möchte man «Petri Heil!» zurufen. Beide ziehen einen Karpfen heraus. Gut dass der Beer bereitliegt. – Ganz rechts hält der hintere «Fischer» mit dem Ruder das Boot in der Richtung fest; denn der vordere schiesst mit der Steinschlossflinte, dass es kracht. Auch das Pulver auf dem Zündloch blitzt auf. Eine der Enten scheint von einer Schrotkugel getroffen zu sein; die andern suchen das Weite. – Fischer und Seeleute tragen breitrandige Hüte. – Zwei der fünf unbemannten Segelschiffe im Hafen sind geladen. Beim Kernhaus wartet ein beflaggter Vergnügnungskahn auf Gäste.

1 «Rorschach, in Plan gelegt von Herrn Jos. Niclaus Erath Hochfürstlich St. Gallischen Rathe und Lehenvogt, hernach mit Hochobrigkeitl. Erlaubnis gezeichnet und in Kupfer gestochen von Joh. Franz Roth, Hofschreiber in Rorschach, 1790.» S. Abb. S. 14/15.

2 Vgl. auch das Kap. «Von den Leinwandherren und ihrem Gewerbe», S. 120ff.

3 Vgl. auch «Die Rorschacher Steinbrüche und Rebgärten», S. 17 ff.

Weiterlesen im vorherigen / nächsten Kapitel.

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