I Im Blick aufs Ganze

Planprospekt von J. F. Roth, 1794, Historisches Museum St. Gallen
Planprospekt von J. F. Roth 1794

Gemeint ist die Darstellung Rorschachs aus dem Jahre 1794. Wir nehmen sie nicht einfach zur Kenntnis wie irgendeine andere. Wie oft man dieses Blatt des Kupferstechers Johann Franz Roth schon betrachtet haben mag, immer fesselt es von neuem. Wie soll man seine starke und seltsame Wirkung erklären? Ein merkwürdiger Zauber geht von ihm aus. Dieser wendet sich nicht nur an unsern geschichtlichen Sinn oder an unser bauliches Interesse. Darüber hinaus nimmt er uns innerlich derart gefangen, dass wir uns mit dem Bild auseinanderzusetzen beginnen und ihm unsere ganze innere Anteilnahme schenken.

Franz Roth zeigt uns seine Vaterstadt aus der Vogelschau, wie er sie als Dreiundsechzigjähriger gekannt hat. Es ist wohl kein bedeutendes Werk, doch mit viel Geschick und Liebe gezeichnet. Ein sommerlicher Hauch schwebt über der ruhigen Seefläche, der wohlgeordneten und erregenden kleinen Welt des Reichshofes und der begrenzten Weite des Rorschacherberges. Man beachte die wohltuende Ruhe, bewirkt durch die gleichmässige Rundung des Berges. Sie steht in starkem Gegensatz zu dem Fronten-, Dächer-, Garten- und Buchtengewirr des Marktfleckens und dem Geäder der Bäche und Wege. Auffällig die Lage Mariabergs, scheinbar auf halber Höhe des Berges. Von dort zum St.Annaschloss ist es nur ein Katzensprung. Die Hauptstrasse – die damals Reichsstrasse und Oberdorf hiess – hat der Künstler in voller Absicht zu breit dargestellt, damit ihm die Möglichkeit gegeben war, auch die südliche Häuserreihe, Haus für Haus, von unten bis oben zu zeigen. Beim Kornhaus müsste die Ostfront, die doch parallel zur Ufermauer verläuft, verdeckt sein. Weil er sie darstellen möchte, erscheint der ganze Bau – und nicht nur dieser – im Grundriss als Parallelogramm verschoben. Franz Roth wollte nicht in erster Linie ein künstlerisches Werk schaffen – auch wenn es künstlerische Züge, zum Beispiel der Komposition und des Ausgleichs, enthält. Ihm lag daran, mit den gegebenen Mitteln ein topographisch und architektonisch möglichst getreues anschauliches Bild mit allen wesentlichen Einzelheiten seines Heimatortes zu bieten. Der weitverbreitete schöne Stich wird die Stube mancher Burger, sicher auch den Wohnraum Abt Bedas geziert haben, hatte dieser geistliche Fürst doch die zerfallenen Hafenanlagen Rorschachs ausbauen lassen. Man spürt aus jedem Strich, den Roth mit dem Grabstichel führte, seine Freude an der Arbeit und seine Liebe zur Heimat. Kein Wunder, dass diese fast naturgetreue Wiedergabe des Reichshofes dem Schöpfer des grossen Reliefs im Heimatmuseum Anreiz und Anleitung gegeben hat.

Wie stark hat doch Rorschach sein Gesicht verändert, wie viele neue Züge hat es erhalten! Man hat dem See Land abgewonnen, Geleise, Plätze und Parks geschaffen. Die aufblühende Industrie hat den, wie man glaubte, für Jahrhunderte genügenden spätmittelalterlichen Siedlungsraum des Hofetters gesprengt und das Gemeindegebiet mit Strassen, Wohnhäusern und Arbeitsstätten erfüllt. Trotz der Veränderungen und Entstellungen, die das Antlitz der Wohnheimat Rorschach erlitten hat, lässt sich doch noch viel Altes nachweisen. Von den vier Brunnen mitten in der Strasse, die einst Mensch und Vieh das unentbehrliche Wasser spendeten, beim Mühlbach und Haiderbach, bei der «Krone» und bei der «Sonne» (heute Hochhaus Bodan), fliesst nur noch der Jakobsbrunnen. Die andern wurden 1843 aus der Strassenmitte versetzt und schliesslich durch die Wasserversorgung in den Häusern ersetzt. Mit fünf Strassenlaternen beim nachmaligen Rathaus und Obern Tor, auf dem Marktplatz (Hafenplatz) und bei den obgenannten zwei Gasthäusern war Alt-Rorschach sicher nicht verschwenderisch beleuchtet. Im frühen letzten Jahrhundert meinte zwar ein Gemeinderat: «Man könnte die Laternen besser verteilen, dafür aber mehr sparen » Nicht umsonst brauchte das alte Rorschach drei Nachtwächter und waren die Bürger gehalten, selber Lichter mitzutragen! Doch haben es bei der heutigen Lichtfülle die Hüter der Ordnung etwa leichter?

Dem Beschauer drängt sich noch etwas anderes auf: dieses Rorschach am Ende der äbtischen Herrschaft erweckt den Eindruck einer geordneten, festgefügten Gemeinschaft mit Mass und Harmonie in vielen Dingen. Es wäre zu untersuchen, wieviel dem Beharren auf dem für einmal als richtig Erkannten zuzuschreiben ist, dem sich die führende Rorschacher Kaufmannschaft verpflichtet fühlte. Nicht alles war damals richtig, und nicht alles war gut. Fünf Jahre bevor Franz Roth den Stichel für sein Rorschacher Bild zur Hand nahm, brach die Französische Revolution aus. Ein Jahr nach dieser Zeichnung kam Abt Beda den Forderungen der Fürstenländer nach politischer und wirtschaftlicher Befreiung nach. Weitere drei Jahre später pochte der Umsturz an die Tore der Abtei und des Reichshofs. Der Wohlstand, der durch Korngeschäft, Handdwerksfleiss und Leinwandhandel in den Flecken eingezogen war, schwand dahin wie Frühlingsschnee. Die alten Formen stürzten. Über dem idealisierten Bildnis des Markt- und Gerichtsmittelpunktes Rorschach liegt darum etwas Unwirkliches, Vergängliches, der drohende Niedergang der Epoche des Barocks und des Ancien regime, die sich längst erfüllt hatte. In den folgenden Betrachtungen wollen wir bestimmte Teile des Rothschen Stichs genauer betrachten.

Weiterlesen im letzten / nächsten Kapitel.

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