In einem Rorschacher Künstleratelier.

Trudi Schneebeli, Malerin, Sammlerin und Afrika-Reisende 1938
Trudi Schneebeli

Die Malerin Trudi Schneebeli

Rorschach bietet mehr, als mancher ahnt. Wer weiss beispielsweise, dass irgendwo in seinen Gemarkungen ein kleines Stück Afrika verborgen ist? - In einem der Wohnblöcke ob dem äussern Bahnhof befindet sich, mit weitem Blick über den See, das Atelier der MaIerin Trudi Schneebeli, ein echtes Künstlerheim in seiner krausen Buntheit und der romantischen Vielgestalt und Eigenart seiner Ausstattung.

Handgewobene Stoffe und Tierfelle bedecken die Wände; auf ihnen verteilt sich die «Jagdbeute» zweier grosser afrikanischer Reisen. Gemeint sind damit allerdings nicht Löwenmähnen und Elephantenzähne, wiewohl Fräulein Schneebeli gut mit deim Jagdgewehr umzugehen weiss, sondern der Schatz der Skizzen und Gemälde, sowie die künstlerischen Erzeugnisse der verschiedenen Eingeborenenkulturen, darunter Stücke, die sich in jedem Völkerkundemuseum sehen lassen dürften.

Seltsam primitive Musikinstrumente hängen da, dann bunte Lederarbeiten aus Marokko. Fetische, die einen ausdrucksstark anglotzen, neben brüchiger Leinwand mit abessinischen Kirchenmalereien, die in ihrem naiv-feierlichen Linienstil stark an die frühchristlich-byzantinische Kunst gemahnen. Jagdflinten und Tropenhelme fehlen nicht. In einer Ecke finden wir eine Photographie: Abessinier, die in Paris studierten, darunter eine stattliche Reihe in der Uniform der Militärakademie St. Cyre. Von allen diesen Bekannten Fräulein Schneebelis aus ihrer Studienzeit in Paris lebt heute keiner mehr; was der Krieg verschonte, fiel den nachherigen Metzeleien unter Graziani zum Opfer. Nicht weit davon hängt, von einem Zeremonialschirm kokett überdacht, ein grosses Porträt des ehemaligen abessinischen Kronprinzen, das vornehme Haupt lässig in den roten Sammt des Thronsessels zurückgelehnt, mit den Händen den schweren Seidenmantel etwas zurückstreifend. Es erinnert uns daran, dass Fräulein Schneebeli lange Zeit als Hofmalerin des Negus in Addis-Abbeba geweilt und dabei Land und Leute Abessiniens aufs beste kennen gelernt hat.

Die phantastisch-unheimlichen. aus schwarzem Holz geschnitzten Fetischmännlein und die primitiven Bastflechtereien sind das Sammelergebnis jener Durchquerung Afrikas im Auto, welche die Künstlerin mit Frau Dr. Fusbahn von Basel unternommen hat. Ueber diese wagemutige Reise hat Fräulein Schneebeli im Kunstverein Rorschach einen interessanten Filmvortrag gehalten, und in «Sie und Er» ist über die Erlebnisse der beiden Damen ein längerer Bildbericht erschienen.

«Ich bin für Afrika geboren», erklärt die Künstlerin, wie wir uns nun ihren Gemälden zuwenden; «ich wäre dem Reiz der Wüsten und Urwälder, der eintönigen Bergwelt und des naturverbundenen Lebens der Eingeborenen verfallen, auch wenn Afrikareisen nicht die grosse Mode wären». Da sind kleine Landschaften, meist auf ganz einfachen Geländeformen und wenigen Farben aufgebaut. Denn monoton und schwermütig ist der Grundton des schwarzen Erdteils, seien es die hellen Farben der toten Wüstenhügel, oder die dumpfen, schweren Töne der grünen Hölle des Urwalds.

Trefflich hat es Fräulein Schneebeli verstanden, die stille Grösse und das Bedrückende, ja Unheimlich-Rätselhafte dieser Landschaft mit ihrem Pinsel einzufangen. Nur während der kurzen Zeit des Sonnenunterganges entrollt sich über Himmel und Erde ein phantastisches Feuerwerk intensiver Farben. Auch solchen Bildern, die kahlen Bergformen in märchenhaft-unwahrscheinliches Rot und Violett getaucht, begegnen wir im Ouvre der Malerin.

Von der Traurigkeit der sonnengequälten Natur überschattet ist auch das Leben der Eingeborenen. Da Fräulein Schneebeli nicht nur überall mit der Bevölkerung in Berührung getreten ist, sondern sie auch beobachtet und in ihr Denken einzudringen versucht hat, bleiben ihre Köpfe und Gestalten nicht nur an der äusseren Erscheinung haften, sondern lassen auch etwas von ihrem seelischen Gehalt durchschimmern.

Wir finden da alle möglichen Stufen menschlicher Entwicklung von der Wildheit der primitiven, instinktsicheren Kreatur bis zur gebildeten, auf alter Kultur ruhenden Vornehmheit arabischer Fürsten. Auch hier wiegen die gedämpften, dunkeln Farben und der einfache, bedeutsame Umriss vor.

«Für mich sind die Gesichter der Neger viel interessanter als europäische», sagt die Künstlerin, «sie beruhen auf ganz einfachen, urtümlichen Formen, auf wunderbar zusammengefügten Flächen.» Diese Einfachheit und die aus ihr hervorgehende Wucht des Eindrucks ist es wolil, was neben dem Reiz des Fremdartigen das Afrikaerlebnis so anziehend macht. Dieses Afrikaerlebnis aller bringt uns Trudi Schneebeli in künstlerisch wertvoller Weise - denn das Malen liegt ihr von ihrem Vater, der den Zeichenunterricht am Seminar erteilt, her im Blut - nahe. Und da die Künstlerin in nächster Zeit ihren Wohnort für immer an die Goldküste verlegen wird, mag diese kurze Würdigung ihres Werks gerechtfertigt sein.

Buchtitel: Rorschacher Monatschronik 1938, Nr.1, S.3-4
Copyright: 1938 by E. Löpfe-Benz, Rorschach

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