Höchste Herrschaften geben Rorschach die Ehre

Gartenfest im Park der Villa Seefeld um 1890. Im Elefantenkostuem steckt der Koenig von Wuertemberg. Photo: P. Labhart
Gartenfest im Park der Villa Seefeld um 1890.

Nicht nur Massen einfacher Touristen haben Rorschach gerne aufgesucht, auch Herrschaften, deren Namen im <Gotha> verzeichnet stehen, siedelten für längere oder kürzere Zeit in unserer Region. Es ist anzunehmen, dass nicht nur die landschaftlichen Schönheiten und die einmalige Verkehrssituation für diese Ortswahl ausschlaggebend waren; vielmehr liess es die Unsicherheit der Zeiten den adeligen Herrschaften ratsam erscheinen, dass irgend jemand aus der Familie sich frühzeitig nach einem allfällig als Refugium benützbaren Sommersitz umsah, der von der Residenz aus leicht erreichbar war.

Schloss Wartegg wurde 1860 von der Herzogin Louise von Bourbon, der Regentin von Parma, erworben. 1919 diente es dem österreichischen Kaiserpaar als erste Station in seinem Exil. Kaiser Karl war der Gatte Zitas, einer Tochter von Herzog Robert I., dem Sohn der Herzogin Louise. Die württembergische Königinmutter Pauline hatte sich 1868 die Liegenschaft Seefeld beim Rietli als Sommersitz gekauft. Seit 1879 bewohnte die Herzogin von Hamilton, die Tochter des Grossherzogs Karl Ludwig Friedrich von Baden, die Goldacher Villa Mariahalden, die 1942 abgebrochen wurde. Die Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen hatten sich den Besitz der Weinburg in Thal gesichert.

Villa Mariahalden, Goldach (1853-1941) an der Strasse St.Gallen-Rorschach
Villa Mariahalden (1853-1941) an der St.Gallerstrasse

Diese Adelssitze zogen Scharen hoher Herrschaften an, die manchmal still und leise, manchmal aber auch mit allem Gepränge in Rorschach auftraten, was die Presse stets eifrig verbreitete, nicht selten sogar mit einem schönen Kratzfuss, wie es eben dem Stile echter Hofnachrichten entsprach. Berühmt waren die prachtvollen Gartenfeste der Herzogin von Hamilton, deren Glanz die Leute hier nachhaltig beeidruckte. Die Aufmerksamkeit, die die Republikaner den Fürstlichkeiten entgegenbrachten, mutete zunächst etwas seltsam an, ist aber ein durchaus lösbares Rätsel. Nicht unbedingt verbarg sich dahinter Sehnsucht nach dem Glanz der monarchischen Staatsform, wenn man bedenkt, dass diese vergoldeten Herrschaften, die natürlich auch ausserhalb ihrer Hoheitsgebiete auf den gewohnten Lebensstil nicht verzichten wollten, recht hübsche Sümmchen zurückliessen. Überdies brachte das ganze monarchische Brimborium nicht wenig Abwechslung ins gesellschaftliche Leben. Ich vermute, dass ihr Auftreten auch ein wenig den Eindruck erweckte, man partizipiere an der grossen Weltgeschichte. Ein Hauch davon war ja durchaus zu verspüren. Es konnte einem schon etwas schwindlig werden, wenn man vernahm, was für Träger exotischer Würden da in Erscheinung traten. 1871 meldete ein hiesiges Blatt: «Grossfürstin Alexandra, Gemahlin des Grossfürsten Constantin von Russland, mit den beiden Grossfürsten Dimitri und Wiatscheslaw sowie Prinzessin Therese von Sachsen-Altenburg kamen am Sonntagnachmittag in Begleitung von Herzog Alexander von Württemberg, des Fürsten Franz und der Fürstin Claudia von Teck zu einem kurzen Besuch bei der Königin-Mutter mit einem Extra-Dampfer nach Villa Seefeld. Erstere kehrten abends nach Schloss Friedrichshafen zurück, während letztere drei zu einem längeren Aufenthalt dort verblieben.»137

Die Fürstlichkeiten selbst gaben sich alle Mühe, mit der einheimischen Bevölkerung guten Kontakt zu pflegen. Erinnern wir uns daran, dass sie sich immer wieder durch wohltätige Gesten ins beste Licht zu setzen wussten. Welche Huld und Gnade von hoheitlicher Seite aus zuweilen verströmt wurde, vermag diese Zeitungsnotiz von 1886 sichtbar zu machen: «Der Herzog von Parma auf Schloss Wartegg wird heute Abend armen Kindern von Staad und Rorschacherberg eine grosse Freude und Ehre bereiten. Etwa 60 derselben sind zu einer Christbaumfeier in das Schloss eingeladen und werden von den Kindern des Herzogs bedient und beschenkt.»138 Welch  raffinierte  Bestätigung der herrschenden Verhältnisse enthüllt dieser aufgeputzte Rollenwechsel! Die römischen Saturnalien, jenes Fest, an welchem einmal im Jahre Herr und Sklave ihre Plätze wechselten, drängen sich unwillkürlich als Vergleich auf.

Villa Seefeld in Goldach, mit Blick Richtung Rorschach, alter Stich
Villa Seefeld in Goldach, mit Blick Richtung Rorschach

Für dergleichen Demonstrationen der Mildtätigkeit war man natürlich offiziell bereit, mit Komplimenten und Höflichkeiten gegenüber den adligen Persönlichkeiten nicht zu sparen. Von daher muss man wohl auch diesen schmeichelhaften <Steckbrief> verstehen, den die Presse 1869 der jungen Herzogin von Parma dedizierte. «Schon in ihrem zartesten Alter war die königliche Prinzessin Maria Pia der Gegenstand besonderer Liebe von Seiten ihrer Eltern, und es offenbarten sich bald an diesem Kinde bewundernswürdige Geistesfähigkeiten. An der Hand vorzüglicher Lehrer, worunter Herr Schwaller aus Solothurn, wurde die junge Fürstin früh schon in das Studium der Wissenschaften und der schönen Künste eingeführt und gab alsbald einen hohen Kunstsinn zu erkennen. Bei sorgfältiger Pflege der italienischen, französischen und deutschen Literatur, wurde sie bald vertraut mit den vorzüglichsten klassischen Werken derselben ... Während ihres beinahe zehnjährigen Aufenthaltes in der hohepriesterlichen Stadt (Rom) kamen dem edlen Zögling der Beistand einer tugendhaften, vortrefflich gebildeten Dame und der Unterricht des ausgezeichneten Archäologen Baron Visconti im Studium der Kunstschätze und Altertümer ... sehr wohl zustatten. Aus Überzeugung und Herzensstimmung tief religiös, ist auch die neue Herzogin ein Vorbild christlicher Tugenden. Ihre Nächstenliebe weiss von keiner Ausnahme Bevorzugung.»139

Ich versichere dem misstrauischen Leser, dass ich aus einem liberalen Blatt und nicht aus einer Nummer der <Gartenlaube> zitiert habe. Im selben Jahre, als dieses schmeichelhafte Porträt erschienen war, meldete die st.gallische Regierung auf eine Umfrage des Bundesrates folgendes nach Bern: «In 124 Fabriken werden im ganzen 1300 Kinder beschäftigt, und zwar 10 Kinder unter 10 Jahren, 97 unter 12 und 1193 unter 16 bzw. zwischen 12 und 16 Jahren. Die Arbeitszeit ist beinahe durchgehend zwölf Stunden pro Tag ... der Arbeitslohn bewegt sich zwischen 8, 10 und 12 Rappen pro Stunde. Fabrikschulen bestehen im Kanton keine.»140

Unserem Thema wäre schlecht gedient, gedächten wir nicht auch des berühmten Blitzbesuches von Kaiser Franz Josef am 31. August 1909. Es ist allerdings etwas übertrieben, von einem Besuche zu sprechen, denn der Kaiser, der mit seinem Dampfer <Kaiserin Elisabeth> im Hafen angelegt hatte, betrat keinen Zentimeter Rorschacher Boden, sondern empfing Bundespräsident Comtesse und Oberst Wille kurz auf Deck. Diese etwas flüchtige Visite wirkt im Nachhinein wie eine Abschiedsvorstellung. Als nach dem 1. Weltkrieg zahllose Kronen und Krönchen in den Sand rollten, war es mit der ganzen Fürstenherrlichkeit auch für Rorschach endgültig vorbei.

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136 M. Sperber, Nur eine Brücke zwischen gestern und morgen. Wien/Münschen/Zürich 1980, S.104
137 Ostschweizerisches Wochenblatt, 1.8.1871
138 Der Rorschacher Bote, 24.12.1886
139 Die junge Herzogin von Parma. Ostschweizerisches Wochenblatt, 5.8.1869
140 Zur Fabrikarbeit der Kinder. Ostschweizerisches Wochenblatt, 17.7.1869

Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.67-69
Historische Skizzen aus der Hafenstadt im hohen 19. Jahrhundert
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach

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