Zum Schluss

Rorschach um 1865. Ölbild von Joseph Martignoni. Photo: Schweiz. Institut für Kunstwissenschaft Zürich.
Rorschach um 1865. Ölbild von Joseph Martignoni

Obwohl die Variationsmöglichkeiten unseres Kaleidoskopes bei weitem noch nicht erschöpft sind, legen wir es jetzt auf die Seite. Wir haben genügend Eindrücke aufgenommen, um wenigstens zu ahnen, was das hohe 19. Jahrhundert für die weitere Entwicklung bedeutet und was es in Gang gebracht hat. Versuchen wir ein Fazit! Die Epoche von 1848 bis 1914 war eine permanente Revolution. Wie anders könnte man denn diese unvergleichlichen Veränderungen aller Qualitäten und Quantitätcn bezeichnen? Das fiel den wachen Beobachtern schon damals auf, als sie um die Jahrhundertwende zurückblickten. Anfang 1900 publizierte eine hiesige Zeitung in Gedichtform einen Ausschnitt aus dem langen Rattenschwanz von löblichen und zweifelhaften Errungenschaften, die das 19. Jahrhundert der Menschheit beschert hat:

«Neue Reiche, neue Staaten,
Blitzlicht, Lachgas, Automaten,
Impfzwang, Dynamit, Odol,
Aluminium, Karbon,
Mäh-, Näh- und Sämaschinen,
Culs, Tournüren, Krinolinen,
Dampfschiffe und Eisenbahnen,
Heines <Lieder>, Freytags <Ahnen>!
...
Pathologische Ibsen-Dramen,
Reblaus-, Schildlaus-Invasionen,
Gasbeleuchtung, Sezessionen,
Pessimisten, Spiritisten,
Soziale und andere <isten>
...
Invaliden-, Altersrenten,
Keilerei'n in Parlamenten,
Hundswut, Antisemitismus,
Symbolismus, Mystizismus,
Influenza, Heilsarmee,
Ethische Kultur-Idee,
Bogenlampen, Glühlichtstrümpfe,
Börsenkrach, Parteigeschimpfe,
Grosse Alterthümerfunde,
Schwurgerichte, Wetterkunde,
Automatische Klaviere,
Zuckerbläue, Holzpapiere,
Stumme Übungsviolinen,
Fleischbeschau, Jagd auf Trichinen,
Heirath ohne Kirchentrauung»166
[usw., usw.]

Eine endlose Kette von Neuerungen, die ihrerseits wieder ihre Wirkungen hervorbrachten. Die Ereignisse überstürzten sich, alle Dämme brachen und alle Halterungen rissen; kein Stein blieb auf dem andern. Wissenschaft, Technik und kapitalistische Wirtschaft erzielten in ihrem Zusammengehen eine Hebelwirkung, die die Welt tatsächlich aus den Angeln hob. Von Gemütlichkeit weit und breit keine Spur mehr. Eine Mehrheit empfand dies alles als Ausdruck eines Aufschwunges und Aufbruchs, der erst mit der endgültigen Emanzipation des Menschengeschlechtes sein Ziel erreichen werde. Der Blick auf dieses Zeitalter enthüllt eine Landschaft, in der sich die Szene von Minute zu Minute verändert und der Wandel das einzig Verlässliche zu sein scheint. Die schönen Träume und grossen Hoffnungen überlebten den Weltbrand von 1914 bis 1918 nicht. Der Glaube an die Geschichte als an einen sinnvollen Prozess, der die gemeinsame weltanschauliche Basis des liberalen Klassikers Condorcet wie des Sozialisten Marx bildet, wurde brüchig. Mit dem 19.Jahrhundert starb ein Jahrhundert der offenen Horizonte; dies ist es, was seine Faszination ausmacht und uns nicht nur wehmutsvoll, sondern sogar ein wenig neidisch zurückschauen lässt, auch wenn uns bewusst ist, welche harte Schatten da und dort die Verhältnisse verdüsterten. Die Hof'fnung hatte alles Recht auf ihrer Seite.

Rorschach: Gesamtansicht um 1910
Rorschach: Gesamtansicht um 1910

Die Hoffnungsarmut unserer Zeit beruht auch auf den Erfahrungen, die wir mit dem Erbe des 19. Jahrhunderts gemacht haben. Vieles von dem, was damals zu berechtigter Zuversicht Anlass gab, hat sich unterdessen als Danaergcschenk entpuppt; mancher Wegweiser, der vorgab, in die Richtung einer stolzen Zukunft zu zeigen, führte in die Irre. Der Weltgeist, damals fröhlich und selbstbewusst aufgebrochen, begann an sich selbst zu zweifeln, wurde melancholisch und machte sich schliesslich aus dem Staube. Zurück blieb ein Abendland, dem man nur noch den Untergang prophezeien konnte.

Kritische Stimmen einiger Dichter und Philosophen, die für die Aufbruchstimmung vergangener Jahrzehnte nur ätzenden Hohn und bösen Kommentar übrig hatten, wurden in ihrer Zeit nicht ernstgenommen.

Während es die meisten mit jenem Geheimrat und Professor namens Zweifel hielten, der «selbstverständlich mit Bezug auf die Kulturfortschritte dein eben abgelaufenen Zeitabschnitt fraglos den ersten Rang»167 einräumte, sprach Nietzsche verächtlich vom Jahrhundert «der grossen moralischen Tartüfferie.»168 Nietzsche, der erbarmungslose <Hellseher> und Richter, hat die Unvereinbarkeit der grossen Ideale aus der Vergangenheit, die zu erfüllen man unentwegt versprach, mit den tatsächlich massgebenden Wertvorstellungen und ihren banalen Zielsetzungen rücksichtslos enthüllt. Die Mehrzahl hat davon noch wenig verspürt, als das Jahrhundert kalendermässig sich seinem Ende zuneigte, und wo Unbehagen aufkommen wollte, gab man sich ordentlich Mühe, es mit gehörigem Festrummel zu übertönen. Gab es dazu eine brauchbare Alternative? Bericht aus dem <Rorschacher Boten> vom 2. Januar 1900: «Der Übergang in das Jahr 1900 vollzog sich am Sonntag Abend bei ungemein lebhaftem Strassenverkehr. Um 8 Uhr begann die Bürgermusik gefolgt von einer grossen Volksmenge, ihren gewohnten Umzug, der etwa eine Stunde dauerte, bis er die verschiedenen Hauptstrassen passiert hatte; in manchen der letzteren wurde die Musik mit geradezu splendidem Feuerwerk empfangen.»

Weiterlesen im vorherigen Kapitel.

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166 Rückblick auf das abgelaufene Jahrhundert. Ostschweizerisches Wochenblatt, 2.1.1900
167 Pläne und Hoffnungen für das neue Jahrhundert. Ostschweizerisches Wochenblatt, 4.1.1900
168 Nietzsche über seine Schriften. In: F. Nietzsche, Die Unschuld des Werdens. Der Nachlass. Stuttgart 1978, S.376

Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.78-79
Historische Skizzen aus der Hafenstadt im hohen 19. Jahrhundert
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach

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