Ein neuer Stand tritt auf

Arbeiter aus der Werkstätte der Vereinigten Schweizer Bahnen. Rorschach 1890
Arbeiter aus der Werkstätte der Vereinigten Schweizer Bahnen

Einer der strapaziertesten Begriffe der Epoche ist zweifellos der des Arbeiters. Mit ihm bezeichneteman vorerst einfach den Angehörigen einer Unterschicht, welche durch die Industrialisierung entstanden war und die sich mit deren Expansion in beängstigender Weise vergrösserte. Der bahnbrechende Soziologe Werner Sombart bestimmt den Arbeiter etwas genauer als einen aus allen bergenden Beziehungen herausgerissenen Menschen: «Er ist getrennt von der Natur, er hat keine Heimat, er hat keine Verwandtschaft. Er ist flugsandartig in den modernen Grosstädten und Industriebezirken zu amorphen Haufen zusammengeweht».79 Diese Erklärung bedarf, wenn man sie auf schweizerische Verhältnisse anwenden will, allerdings einer starken Relativierung.

So extreme Verhältnisse wie in England oder im Ruhrgebiet gab es hier nicht, was auf verschiedene Umstände zurückzuführen ist. Denken wir nur an die wichtige Rolle Heimindustrie, die den Arbeitnehmern ermöglicht, innerhalb ihrer vier Wände dem Verdienst nachzugehen oder daran, dass sich bei uns viele kleine Fabriken den Flussläufen entlang über das ganze Mittelland und Voralpengebiet verbreiteten, so dass keine eigentlichen Fabrikagglomerationen entstanden. Schliesslich waren unzählige Arbeiter nicht gänzlich aus dem Besitz von Grundeigentum verdrängt; und ganz wesentlich zur andersartigen Situation der Arbeiter in der Schweiz hat die Tatsache beigetragen, dass sie seit 1848 im vollen Genuss der bürgerlichen Rechte standen.

Die überwiegende Mehrheit der Schweizer Arbeiter war von der Natur und dem überkommener Dorfleben keineswegs völlig getrennt. Dennoch hing auch ihr Lebensstandard mehr oder weniger vom unberechenbaren Gang der Weltwirtschaft ab. Den schweizerischen Heimarbeiter hat dieses Auf und Ab nicht immer so hart getroffen, weil er in flauen Perioden die Möglichkeit hatte, sich in der Landwirtschaft zu betätigen. Jedoch haben die häufigen Krisen und der infolge des sich stets vermehrenden Heeres von Arbeitskräften steigende Konkurrenzdruck die Heimarbeiter immer häufiger gezwungen, ihren Arbeitstag am Webstuhl oder ab der Stickmaschine zu verlängern, so dass sie allmählich doch gänzlich von der Industrie abhängig wurden. Auf diese Weise nahm ihre Fremdbestimmung zu.

Am lapidarsten umriss wohl das 1848 erschienene <Manifest der Kommunistischen Partei> die Situation der neuen Gesellschaftsgruppe: «Diese Arbeiter, die sich stückweis verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmässig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.»80 Obwohl der Schweizer Arbeiter im 19. Jahrhundert nicht so fugenlos in dieses Schema passte, weil seine Existenzmittel ganz verschiedener Herkunft sein konnten - der gänzlich lohnabhängige Fabrikarbeiter befand sich nicht durchwegs in derselben Situation wie der heimarbeitende Kleinbauer - ging der Zug der Zeit dahin, den angeführten Definitionen auch für die hiesigen Verhältnisse je länger je mehr Recht zu geben.

Der Kommunist im Gespräch mit dem Bürger. Illustration zur Kalendergeschichte 1856
Der Kommunist im Gespräch mit dem Bürger

Auch die Arbeiter in der Region Rorschach, die von Jahr zu Jahr an Bedeutung zunahmen, litten unter der Unzuverlässigkeit ihres Broterwerbs. Eine bekannte Rorschacher Maschinenfabrik z.B. entliess 1877 wegen Absatzstockung innert kürzester Frist über 30 Arbeiter, und es zeigte sich, dass systembedingte Schwierigkeiten dieser Art regelmässig wiederkehrten. Arbeiterschaft war damals solchen Einbrüchen wehrlos ausgeliefert, denn noch gab es keine Sozialversicherungen, und humanitär gesinnte Unternehmer hatten angesichts wirtschaftlichen Situation nur noch theoretisch Alternative zwischen praktischer Nächstenliebe und gedeihlichem Geschäft. Bis der Arbeiter selbst merkte, dass er zum Faktor eines Wirtschaftssystems geworden war, das besser ohne allzuviel Menschlichkeit funktionierte, brauchte es seine Zeit, und sobald er so weit war, war der Moment zur Entstehung der Arbeiterorganisationen gekommen.

Konservative Kreise haben die Lage der Arbeiterschaft bedeutend versöhnlicher beurteilt. Zwar brandmarkten sie den Kapitalismus als Ausgeburt des Bösen, aber weil sie in der harten Arbeit eine von Gott auferlegte Sühne erkannten, vertrösteten sie die Lohnabhängigen auf die ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits und verwiesen sie auf die Bahn der geduldvollen Ergebenheit. Diese reichlich theologisch geprägte Auffassung vermochte aber nicht mehr allenthalben zu überzeugen. Sie nahm zu wenig Rücksicht auf die elementaren existentiellen Bedürfnisse der Menschen. Daher erklärt sich denn, dass Lehren, die wissenschaftliche Ergebnisse berücksichtigten und handfestere Lösungen versprachen, auf die rechtens Unzufriedenen überzeugender wirkten. Die Menschen überkommennen Lehren der Kirchen  verloren an Anziehungskraft und vermochten auf die Dauer die arbeitenden Massen nicht mehr über das entbehrungsreiche Leben hinwegzutrösten. In einer Unterhaltungsbeilage zum <Ostschweizerischen Wochenblatt> findet sich ein Gedicht, das diesen Glaubensverlust unverhüllt zum Ausdruck bringt:

«Und wie göttlich schön sind jene Lehren,
Die vom Himmel Jesus uns gebracht:
<Sollst als Bruder jeden Mensche ehren,
Ihn umfassen mit der Liebe Macht!
Hab' mit deinem Nächsten gern Erbarmen,
Lass zum Leidenden dich mild herab,
Speise, tränke den betrübten Armen!>
Leider, dass ich nichts zu beissen hab!»81

Politische Flüchtlinge und deutsche Handwerksgesellen haben vor der Jahrhundertmitte in der Schweiz allerhand ketzerische Ideen verbreitet, die einen zusehends sozialpolitischen Anstrich bekamen und manchmal den totalen Umsturz der Gesellschaft propagierten. Insbesondere die wandernden Handwerksgesellen, deren Zukunft durch die Maschine bedroht war, liebäugelten teilweise mit kommunistischen Gedanken, zu denen sich die frühsozialistischen Denker in Frankreich angeregt hatten. Schon 1834 wurde in der Nähe von St. Gallen ein Verein solcher ausländischer Agitatoren ausgehoben, und es ist anzunehmen, dass auch hier politisierende Handwerker aufgetaucht sind, denn Rorschach hat als Grenzort für längere oder kürzere Zweit zahllose Asylanten beherbergt.

Fest steht, dass sich seit den vierziger Jahren bei vielen Bürgern Furcht vor Kommunisten und Sozialisten breitmachte, was sich in Zeitungen und Kalendern mannigfach widerspiegelt. Tatsächlich war diese  Angst natürlich unbegründet, denn die überwiegende Mehrheit der Schweizer Arbeiter war viel zu nüchtern und viel zu realistisch, um kritiklos hinter jeder Utopie herzurennen. Bestimmt haben die ausländischen Sozialtheoretiker dazu beigetragen, dass auch bei uns die Arbeiterschaft über ihre Situation nachzudenken begann und eigene Mittel und Wege suchte, um ihre Lage zu verbessern.

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79 Zitiert bei: H. Glaser, W. Ruppert, N. Neudecker, Industriekultur in Nürnberg, München 1980, S.131
80 K. Marx / F. Engles, manifest der kommunistischen Partei. In: Karl marx, Friedrich Engels, Werke, Band 4,
    Berlin 1977, S.468
81 Unterhaltungsbeilage des Rorschacher Wochenblattes Oktober 1853

Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.44-46
Historische Skizzen aus der Hafenstadt im hohen 19. Jahrhundert
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach

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