Die Schande der Zeit

Bettelweib, Holzstatuette aus dem 17. Jahrhundert. Sammlung Historisches Museum St. Gallen
Bettelweib, Holzstatuette 17. Jahrhundert

So naiv und freudestrahlend die Optimisten ihre golden schimmernden Fahnen dem Zeitalter voran trugen, so lautstark sie ihre zuversichtsprallen Losungen hinausposaunten, ihre Überzeugung ermangelte der letzten Glaubwürdigkeit, weil durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch drückende Armut für unzählige Menschen schicksalsbestimmend war. Die brennende Sorge verantwortungsbewusster Politiker, engagierter Kirchenmänner und Philanthropen wegen der misslichen Lage der Unterschicht schlug sich in Publikationen und Diskussionen nieder, die das Problem von allen Seiten beleuchteten, aber selten brauchbare Vorschläge zutage förderten.

Schon in der alten Eidgenossenschaft hat eine überwältigende Mehrheit des Volkes ein kümmerliches Leben führen müssen. Der Zusammenbruch der alten Ordnung Anno 1798 hat die ständische Struktur aufgebrochen, das gesamte Sozialgeüge durcheinandergebracht und die Menschen gewissermassen mit der Empfehlung in die Freiheit entlassen, es möge jeder selbst sehen, wie er durchkomme. Am Rande der Gesellschaft entstand den Gruppen, die weder im konkreten noch im übertragenen Sinne mehr Heimat fanden, ihr Leben fristend von Gelegenheitsarbeit, Bettelei und Diebstahl, von der Obrigkeit erbarmungslos gejagt.

Die grössenwahnsinnigen Kriege Napoleons, die französische Besetzung und die wegen des Absterbens der Massenepidemien gewaltig anwachsende Bevölkerungszahl haben einen Sozialkomplex geschaffen, der als Massenarmut oder Pauperismus bis weit über die Mitte des Jahrhunderts hinaus seine dunklen Schatten geworfen hat.

Missernten, wie etwa jene der Jahre 1846/47, haben immer wieder Tausende der Not in die Arme getrieben. Im Mittelalter hat man das Schicksal der Armut innerhalb einer Sozialordnung, die man als Gottes Werk akzeptierte, vielleicht etwas leichter ertragen als in einem Zeitalter, das sich von den aufklärerischen Idealen der Menschenrechte leiten liess. Nunmehr stand man einsam zwischen Himmel und Erde, den ersten erklärte man als leer, die zweite bot noch lange keinen ausreichenden Ersatz. Auch wenn dann die Industrie fürs erste diese Not erheblich gemindert hat, so erzeugten die Konjunkturschwankungen alsbald eine neue Form der Armut, die insbesondere die Lohnabhängigen permanent bedrohte.

Das Bettelwesen, wie es noch für die erste Hälfte des Jahrhunderts typisch gewesen ist, wurde in seiner Verbreitung stark eingeschränkt, ohne jedoch gänzlich zu verschwinden. Im Kanton St. Gallenwurden noch 1881 3694 bettelnde Vaganten registriert, und das Rorschacher Gemeinderatsprotokoll weiss in der Belle Epoque regelmässig von Bettlern zu berichten. Man machte in der Regel mit solchen Leuten, sofern sie hier nicht heimatberechtigt waren, kurzen Prozess und schob sie rasch über die Gemeindegrenze ab.

Kalenderbild (Xylographie) zum Thema Armut um 1850
Kalenderbild (Xylographie) zum Thema Armut um 1850

Konservativ denkende Sozialtheoretiker deuteten die materielle Bedrängnis als Konsequenz der gottesfeindlichen Neuordnung: «Der moderne liberale Geist hat unsere sozialen Fragen gezeitigt. Ihr Ansatzpunkt liegt in den Prinzipien der Französchischen Revolution, in der Emanzipierung und Isolierung des Individuums, in der Auflösung der Gesellschaftsstände, ... in der Anweisung des Individuums auf sich selbst,»67 verkündete der konservative <Rorschacher Bote> 1876. Armut als Strafe für den Abfall von Gott, und wer dieser Überzeugung huldigte, hatte selbstredend kein anderes Rezept zur Hand als Rückkehr zum Alten, Busse und den einfachen Lebenswandel; die Bessergestellten anderer seits sollten unermüdlich an ihre Pflicht zur wohltätigen Nöchstenliebe erinnert werden. Verständlich ist, dass die Liberalen die allgemeine Not als befristete Kinderkrankheit des Industriezeitalters erklärten, auf eine bessere Zukunft vertrösteten und in vielen Einzelfällen in der Sozialordnung lediglich die Auswirkung eines Charakterdefektes zu erkennen vermochten. Folgerichtig anerkannten sie als echte Not nur die sog. Notarmut, d.h. Elend infolge von Krankheit und Alter. Man war damals noch einfach nicht in der Lage, das Phänomen der Armut in seine ganzen Tiefe zu erkennen. Die meisten Armen sind einfach faul !, lautete ein häufiges Urteil. Sicherlich brauchte es seine Zeit, bis aus der Mentalität einer Agrargesellschaft die disziplinierte Hal tung der Industriegesellschaft entstanden war. Hingegen waren sich Konservative und Liberale darin einig, dass es nicht Sache des Staates sei, sich um die Armenfürsorge zu kümmern; das überliess man gerne der privaten Initiative.

Eine dritte Gruppe schliesslich votierte für eine mehr oder weniger tiefgreifende Neugestaltung der Gesellschaft und lehnte die karitativen Massnahmen als menschenunwürdig und als untaugliche Flickarbeit ab. Diese Gruppe teilte mit den Konservativen die Ansicht, dass die Wurzel des Übels in der liberalen Wirtschaftsordnung selbst zu suchen sei.

Während man sich herumstritt, fanden die Armen einzig brauchbare Hilfe bei kirchlichen und privaten Organisationen. Um die Jahrhundertmitte gab in Rorschach zwei Wohltätigkeitsvereine, einen Freiwilligen Armenverein und einen Allgemeinen Krankenverein; später bildete sich noch ein Verien gegen Haus- und Gassenbettel. Auf eine lange Tradition konnte die christliche Hilfstätigkeit zurückblicken, die über Jahrhunderte die zuverlässigste Hoffnung der Notleidenden gewesen ist. Von katholischer Seite aus betreuten zwei barmherzige Schwestern mittellose Kranke und waren dabei einzig «auf die freiwilligen Beiträge hiesiger Menschenfreunde angewiesen».68 Ebenfalls von den Katholiken, die damals die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten, wurde ein Wohltätigkeitsverein für Rorschach und Rorschacherberg getragen, der nach strenger Prüfung der Hilfesuchenden Spenden verteilte. «Eine Anzahl von Bittstellern», lesen wir 1880, «musste abgewiesen werden, weil man ihren Berufsbettel und andere Unarten nicht noch aus der Vereinskasse honorieren zu müssen glaubte.»69

Zur Unterstützung der Hausarmen konstituierte sich auf evangelischer Seite 1862 ein Frauen-Armenverein. Bessere, hohe und höchste Herrschaften waren es in jenen Tagen dem guten Tone schuldig, demonstrativ der Wohltätigkeit zu frönen. Die Königin-Mutter von Württemberg, die öfters den Sommer in der Villa Seefeld verbrachte, geruhte 1871 gnadenvoll «dem Bezirksamte Rorschach 100 Fr. zur Austeilung unter die Armen der Gemeinde Rorschach zu übersenden».70 Einen nicht weniger starken Wohltätigkcitstrieb verspürte ihre Hoheit, Herzogin von Hamilton, Eigentümerin der Goldacher Villa Mariahalden, die unbedingt dem Verein gegen Haus- und Gassenbettel bezutreten wünschte.

So beachtlich die Leistungen privater Hilfsorganisationen waren, es hafteten ihnen doch schwere Mängel an: Zunächst waren sie ihrem Wesen nach rein passiv und hatten deshalb eher zur Vermehrung der Armut als zu deren Verminderung beigetragen. Ausserdem fühlten sich viele Menschen als Almosenempfänger in ihrem Stolze verletzt, zumal die Mildtätigkeit oft an moralinverbrämte Bedingungen geknüpft war. Schliesslich war auf private Hilfe nicht immer Verlass; manchmal funktionierte sie, manchmal nicht. So war es denn einfach unvermeidlich - weil ein Postulat der Gerechtigkeit -, dass sich die öffentliche Hand der Sache vermehrt annahm.

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67 Die moderne Wirtschaftspest II. Rorschacher Bote, 18.4.1876
68 Ostschweizerisches Wochenblatt, 8.8.1971
69 Rorschacher Bote, 14.12.1880
70 Ostschweizerisches Wochenblatt, 23.9.1871

Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.40-42
Historische Skizzen aus der Hafenstadt im hohen 19. Jahrhundert
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach

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