Die Anfänge der Arbeiterorganisationen in Rorschach

Giessertruppe 1907. Photo: J. Storck, Monatschronik 1957
Giessertruppe 1907. Photo: J. Storck, Monatschronik 1957

Zur ersten Interessenorganisation der Schweizer Arbeiter wurde der 1838 von patriotischen Appenzellern in Genf gegründete Grütliverein, dessen Name schon verrät, welchen Idealen er nachstrebte. Aus Liebe zum Vaterland bemühten sich die Grütlianer, die Lohnabhängigen, die durch die bitteren Lebensumstände zunehmend in Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft gerieten, wieder in die Volksgemeinschaft zu integrieren und vermeinten, diesem lobenswerten Ziele durch Pflege der Geselligkeit und Förderung der Arbeiterbildung näherzukommen. Es ist einleuchtend, dass dieses schlichte Instrumentarium nicht ausreichte, um das Arbeiterproblem in den Griff zu bekommen, zumal der wichtigste Aspekt der ganzen Angelegenheit, der ökonomische nämlich, in ihrem Programm kaum zum Zuge kam. Dass der Grütliverein aber für den Aufbau der modernen schweizerischen Arbeiterbewegung Pionierarbeit geleistet hat, bleibt dennoch sein grosser Verdienst.

In Rorschach hat sich wahrscheinlich zu Beginn der sechziger Jahre eine Grütlisektion gebildet, von der dann 1869 die Initiative zur Schaffung der Arbeiter-Union Rorschach ausging, die als Dachorganisation neben dem Grütliverein selbst auch noch einen Arbeiterturn- und einen Arbeiterbildungsverein umfasste. Der Geist, aus dem sie Sache geboren wurde, trägt unverkennbar den Stempel der Grütlianer. Das freisinnige Lokalblatt schrieb über die Gründungsversammlung: «Der Ernst, die Ruhe und Aufmerksamkeit, welche hiebei waltete, beurkundeten den echten Geist, der die Arbeiter-Union beseelt und verdienen öffentliche Anerkennung.»82

Im selben Jahre eröffnete die Arbeiter-Union ein eigenes Lokal, wo Interessierten eine Bibliothek von 200 Bänden, Landkarten und Zeitungen zur Verfügung standen. Zwei- bis dreimal pro Woche wurde Gratisunterricht «in verschiedenen Lehrfächern erteilt» und «fürgesorgt, dass junge Leute in freien Stunden auch ausser dem Wirtshause in heimeligen Kreisen ohne Kostenaufwand gesellige Unterhaltung ... finden können».83 In der Einladung zur Eröffnung des Bildungslokales wird betont, dass man «mutig und unenwegt auf den Pfaden des entschiedenen Freisinns einer wichtigen Zukunft»84 entgegengehen wolle.

Hier tritt auch klar zutage, dass der Liberalismus einer der wichtigsten Väter der neuzeitlichen Arbeiterbewegung ist. Viele Jahre hat denn auch der liberale Verein die Arbeiter-Union finanziell unterstützt. Weil der Grütliverein keine eigentliche politische Partei war, schloss er sich im Kanton St.Gallen samt einzelnen bestehenden Arbeitervereinen den Demokraten an, die ideologisch eine Variation des Linksfreisinns bildeten. Erst 1905 erfolgte durch die in der <Krone> Rorschach beschlossenen Gründung einer kantonalen sozialdemokratischen Partei die Trennung der beiden doch recht verschiedenen Interessengruppen.

Der schweizerische Grütliverein vereinigte sich 1902 mit der Sozialdemokratischen Partei, suchte aber 1915 wieder seinen eigenen Weg, weil sein liberales und kleinbürgerliches Erbe ihn doch in eine andere Richtung wies als in jene, die die Sozialdemokratie einschlug. Schon seit den siebziger Jahren mehrten sich hier die Anzeichen der Spannung der Arbeitzer-Union und den Liberalen. Ein Vortrag, den jene 1874 veranstaltet hatte, reizte die bürgerliche Presse zum scharfen Widerspruch, weil vom Referenten und den Diskussionsteilnehmern Meinungen verbreitet wurden, die offensichtlich marxistisch inspiriert waren. Das <Ostschweizerische Wochenblatt> in Rorschach äusserte die Befürchtung, die Arbeiterschaft lasse sich von «Freiheitsaposteln» und «Passionsschimpfern» einwickeln und gegen den Staat aufwiegeln. «Kehrt um, solange es Zeit ist», rief Zeitungsschreiber den Arbeitern zu, «und denkt an das solide Wort: Friede ernährt, Unfriede verzehrt.»85

Adolf Kolping (1813-1865), Begruender der katholischen Gesellenvereine
Adolf Kolping (1813-1865)

Aus begreiflichen Gründen verlor die Arbeiterschaft langsam aber sicher die Bereitschaft, sich mit erbaulichen Sprüchen zufriedenzugeben.Eine Profilierung Arbeiter-Union nach links schälte sich immer deutlicher heraus, und es kündigte sich an, was später mit dem zumeist gründlich missverstandenen Begriff des Klassenkampfes belegt wurde. Bürgerliche Kreise reagierten aggressiv gaben sich aus Verlegenheit satirisch, wie im März 1870, als sich diese peinliche Geschichte zutrug: Die Fasnachtsgesellschaft <Janitscharia> hatte die furchtbar originelle Idee, einen Schwank mit dem Titel <Eine feierliche Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts> aufzuführen. Doch lassen wir das <Ostschweizerische Wochenblatt> vom März berichten: «Nachmittags 2 Uhr bewegte sich unter Voranritt einer kostümierten Musikbande der hübsch und originell zusammengestellte ganz der Fasnacht entsprechend gekleidete und durch die verschiedensten Geschäftsinsignien kenntliche Arbeiterzug durch das Dorf nach dem Kronengarten, allwo ein Meeting abgehalten wurde. Die dort von den Abgeordneten gehaltenen und von den Arbeitern öfters kräftig durch Beifallsbezeugungen oder Drohungen und handgreifliche Sympathie unterstützten komischen Reden, sowie auch die Pantomimen eines stummen Redners riefen schliesslich einen momentanen Streik hervor, der für gestern und teilweise auch noch heute andauert und wahrscheinlich vielen Teilnehmern mit einem allgemeinen Katzenjammer sein Ende erreichen dürfte.»86

Dieser geschmacklose Fasnachtsscherz löste eine Pressepolemik aus. Ein Sympathisant der Arbeiterorganisationen erklärte die Emanzipationsbestrebungen des vierten Standes, der «unter dem Druck misslicher Verhältnisse seufzen und ein kümmerliches Dasein fristend»87 müsse, als voll berechtigt. Anders dachte Louis Danielis, Wirt zum <Seehof>, der den <Janitscharen-Streich> verteidigte und meinte, es hätte ruhig noch etwas mehr karikiert werden dürfen, «denn hierzulande, wo der Arbeiter die gleiche Freiheit und die gleiche Achtung geniesst wie der Arbeitgeber, wo sich die Löhne stets und sozusagen von selbst nach den Lebensverhältnissen regulieren»,88 seien Streiks allemal Unsinn.

Weniger Anstoss als der Grütliverein erregten die katholischen Gesellenvereine, die in gewisser Hinsicht  als Vorfahren der später erstarkenden christlich-sozialen Bewegung zu sehen sind. Angesichts der wachsenden Entfremdung der arbeitenden Masse von den Kirchen ist die Schaffung der Gesellenvereine zu verstehen als vorbeugende Massnahme zur Abwehr <weltanschaulicher Gefahren>, die auf ahnungslose junge Männer lauerten. Adolf Koping, der Kölner Begründer des Werkes, hat sich 1854 persönlich um die Entstehung des Rorschacher Gesellenvereins gekümmert, weil ihm daran gelegen war, einen Brückenkopf in jenem Lande aufzubauen, das als gefährlicher Infektionsherd für allerlei Sozialismen galt. Die ersten wirklichen katholischen Arbeitervereine im Kanton wurden erst 1899 ins Leben gerufen, nachdem acht Jahre früher die Sozialenzyklika <Rerum novarum> den Boden dafür geistig vorbereitet hatte.

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82 Ostschweizerisches Wochenblatt, 27.8.1869
83 Arbeiter-Union Rorschach. Ostschweizerisches Wochenblatt, 29.4.1869
84 Ebenda
85 Ein ofenes Wort an unsere Arbeiter. Ostschweizerisches Wochenblatt, 12.11.1874
86 Ostschweizerisches Wochenblatt, 3.3.1870
87 Fasnacht-Spiel in Rorschach. Ostschweizerisches Wochenblatt, 5.3.1870
88 Ostschweizerisches Wochenblatt, 8.3.1870

Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.46-48
Historische Skizzen aus der Hafenstadt im hohen 19. Jahrhundert
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach

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