Augenschmaus und Seelengraus - Von gewöhnlichen und ausgefallenen Vergnügungen

Inserat aus: «Der Rorschacher Bote» vom 2. Juli 1887
Inserat aus: «Der Rorschacher Bote» vom 2. Juli 1887

Wäre ein Zeitgenosse unserer mediengesättigten Ära genötigt, mit dem Vergnügungsangebot des 19. Jahrhunderts auszukommen, geriete er unvermeidlich in eine existentielle Krise. Vor hundert Jahren noch war man dankbar um die bescheidenste Abwechslung, nahm Darbietungen jeder Art entgegen, egal ob aus der Hand grosser Könner oder armseliger Tingeltangel-Artisten. Alles zog das neugierige Publikum in Scharen an und wurde nicht nur auf der Gasse eingehend besprochen, sondern auch in der Presse gebührend gewürdigt.

Die gesellschaftliche Bedeutung des Theaters - auch wenn dessen Angebote meist allen höheren Ansprüchen spotteten (oder eben darum!) - war beispiellos. Noch war es nicht mit dem Makel des exklusiven Kulturinstitutes behaftet, sondern Stätte volkstümlicher Lustbarkeit, der Begegnung, der Bildung, der Nachrichtenvermittlung und noch vieles mehr, kurz: eine soziale Notwendigkeit. «Bei über und über angefülltem Hause gab die hiesige Liebhaber-Theater-Gesellschaft am letzten Montag das Stück <Lumpazi-Vagabundus>. Der Zudrang war so stark, dass die Kasse vor Beginn der Aufführung geschlossen und mancher noch nachher Einrückende abgewiesen werden musste.»131 Derartige Erfahrungen waren keine Seltenheit.

Manchmal aber kam es auch vor, dass die eine Hälfte der Einwohnerschaft ihre liebe Sorge hatte, wenn gewisse Wandertheater hier ihre Bühne auf schlugen, weil die zu Herzen gehenden, sentimentalen Vorstellungen die Grenze der Rampe nicht respektierten und viel Turbulenz ins sauber geknüpfte Netz menschlicher Beziehungen brachten. 1872 war die Rorschacher Frauenwelt heillos froh, als die Theatergruppe Sommer endlich wieder ihre Kisten packte, denn zum genannten Ensemble gehörten offensichtlich einige recht aufregende Damen, deren Talente sich nicht auf die Schauspielkunst beschränkt zu haben scheinen. Was berechtigt moderne Theatertheoretiker, sich als avantgardistisch aufzuspielen, wenn sie die Aufhebung der Schranke zwischen Publikum und Bühnenszene fordern?

Theaterprogramme spiegelten oft schlagzeilenartig die Nöte der Zeit. Eine volkstümliche Auseinandersetzung mit der Katerstimmung nach den Gründerjahren, als man die ersten Erfahrungen mit dem neuen Wirtschaftswesen hinter sich hatte, bot das Erfolgsstiick <Der Fabrikant oder ein Fallissement> von Eduard Devrient: «1. Akt - Fallit, 2. Akt - Die Qualen eines schwer getroffenen Herzens, 3. Akt- Die Arbeit nur allein bringt wahres Glück.»132 Noch eine Funktion des Theaters tritt da in Erscheinung: Für Moralpredigten hatte keineswegs die Kanzel das Monopol.

Wenden wir uns noch einer Art von Verügnügen zu, die heute in der damals dargebotenen Form und in ihrem besonderen Charme kaum mehr zu geniessen ist, ich meine jenen Jahrmarktsbudenzauber, der mit Hilfe von raffinierten Taschenspielerkünsten die ahnungslosen Menschen verblüffte oder ihnen ein wohliges Gruseln beibrachte. Wir stossen da in eine Welt vor, deren Geheimnisse so unergründlich und deren Faszination so schillernd waren, dass wir uns davon keinen Begriff mehr machen können. Rationalismus, Aufklärung und modernes Bildungswesen haben ihre Wirkung gründlich zerstört. Dass durch diese Entzauberung eine wirkliche Verarmung eingetreten ist, davon wird schnell  überzeugt, wer die Inseratenseiten alter Zeitungen studiert. Am Seehafen schlug 1866 <Schichtel's Museum> seine Zelte auf und offerierte ein Welttheater für den kleinen Mann. Man überzeuge sich selbst: «Wunder der Urwelt, entdeckt in Nordamerika (Virginien) unweit James Town, vormals eine Stadt der Wilden, ein unterirdisches Naturwunder, plastisch dargestellt ... Zoologische Galerie, exotische Prachtexemplare nebst anatomischen Präparaten der gefährlichsten, oft im Menschen befindlichen Tiere ... Die wahrsagende Zauberglocke und ein in der Luft schwebender Kopf. Ein ausserordentliches Kunstwerk, welches Spachorgane besitzt. Zum Beschluss: Ein Flohtheater, wobei künstlich dressierte Flöhe, welche mit freiem Auge zu sehen sind, verschiedene Produktionen aufführen werden.»133 Das Erste und das Letzte, das Erhabenste und das Lächerlichste, das Schönste und das Hässlichste, alles zu haben für 20 Cts. Eintritt! Nicht wahr, das sind Leckerbissen für nostalgisch veranlagte Gemüter, die unter der Kälte des 20. Jahrhunderts leiden!

Anzeige aus: «Der Rorschacher Bote» vom 14. Juni 1888
Anzeige aus: «Der Rorschacher Bote» vom 14. Juni 1888

Im <Seehof> gastierte 1874 das <Mechanische Kunsttheater> und kündigte sich so an: «Diese Vorstellung bietet die reichste Mannigfaltigkeit dar, indem bewegliche Darstellungen landschaftlicher Ansichten, architektonischer Kunstwerke, cycloramischer und anderer Ansichten von Schlachten mit höchst ergötzlichen Verwandlungsszenen gezeigt werden; da ziehen Wagen, Reiter und Fussgänger vorüber, wild braust ein Dampfwagen dahin, dort schwankt ein Schiff auf wogenden Wellen, hier stürzt ein Wasserfall herab, da spielen munter die Fontänen, dort geht der Mond auf, Wolken ziehen dahin und bedecken ihn. Aus dem Krater des Vesuvs zucken Feuerstrahlen, steigen Dampfwolken empor ... Der kühne Löwenjäger Gerard beschleicht einen Löwen und tötet ihn mit einem Büchsenschuss ...»134 Aufs höchste beschäftigten diese totalen volkstümlichen Kunstdarbietungen die Phantasie der Leute, denn in «dieser Mischluft aus Spass und Tiefe, ja Gemütlichkeit und Grauen» (Ernst Bloch) konnten sich Träume, Hoffnungen, Wünsche und Projektionen hemmungslos entfalten.

Die Angehörigen des Bildungsbürgertums haben mit gehöriger verachtung auf diese Jahrmarktvergnügungen herabgeschaut, und die Behörden nahmen jede Gelegenheit wahr, um den herumziehenden Künstlern, als da waren «Harfenisten, Orgel- und Ziehharmonikaspieler, Besitzer von Musikdosen, Bänkel- und Mordthatensänger nicderen Ranges, ferner Gaukler, Jongleure, Bärentreiber, Hunde- und Affenkomödien-Inhaber, überhaupt Personen, bei deren sog. Produktionen ein Kunstinteresse nicht obwaltet»,135 das Leben sauer zu machen. Unbestritten wurde das Volk oft mit Darbietungen angelockt, die sich auf der Grenze zwischen dein Geschmacklosen und dem eben noch Goutablen bewegten, aber vergleichsweise waren jene Amusements harmlos und kindlich.

Kurz vor der Jahrhundertwende wurden die mechanischen und Zaubertheater allmählich vom Kinematographen verdrängt. Ein solcher offerierte z. B. im Oktober 1900 auf dem Kurplatz ein Programm mit 178 Nummern, darunter waren aktuelle Bilder aus dem Burenkrieg, den Chinawirren und der Weltausstellung in Paris. Manès Sperber beschreibt die Wirkung, die die Eröffnung einer gänzlich neuen Welt durch den Kinematographen, den er 1912 als Kind zum erstenmal erlebte, hinterliess: «Am Abend zeigte man auf einer weissen Leinwand Menschen und Tiere, die sich vor unseren Augen bewegten, als ob sie leibhaftig da wären. Es war ein atemberaubender Zauber ... ein Zauber, der die Zuschauer erstaunte, sie manchmal erschütterte, aber öfter zum Lachen brachte Man gewöhnte sich indessen schnell an diesen neuen Zauber, besonders früh wohl in Rorschach, wo 1908 das erste Kino der Schweiz installiert wurde.

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131 Ostschweizerisches Wochenblatt, 2.3.1965
132 Der Rorschacher Bote, 26.4.1879
133 Ostschweizerisches Wochenblatt, 6.10.1866
134 Ostschweizerisches Wochenblatt, 12.12.1874
135 Protokoll des Gemeinderates Rorschach, 17.11.1874

Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.65-66
Historische Skizzen aus der Hafenstadt im hohen 19. Jahrhundert
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach

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