Ein verdächtiger Literat in Rorschach

Georg Herwegh 1845, gemalt von Karl Rahl. Dichtermuseum Uestal.
Georg Herwegh 1845, gemalt von Karl Rahl

Am 23. Juli 1850 empfingen der «Hochlöbliche Präsident und Kleine Rat des eidgenössischen Cantons St.Gallen»153 aus der Kanzlei der Grossherzoglichen Badischen Regierung ein Schreiben mit der Bitte, dem Flüchtling Georg Herwegh, der sich laut zuverlässiger Anzeige in Rorschach aufhalten soll, keine Aufenthaltserlaubnis zu gewähren.

Dieser Brief spiegelt die Aufgeregtheit einer historischen Epoche, deren Wellenschlag auch an den Südufern des Bodensees zu spüren war. Seit dem Vormärz haben fortschrittlich Denkende, denen die Luft in den Ländern der Heiligen Allianz zu stickig geworden war, in der Eidgenossenschaft vor dem Zugriff des reaktionären Büttels Schutz gesucht. Zum Verdruss des Fürsten Metternich, der mit eiserner Hand gegen alle vorging, die es wagten, gegen die herrschende Ordnung zu opponieren, fanden politische Emigranten in Helvetien stets ein Plätzchen, wo sie - vor Verfolgungen sicher und von der einheimischen Bevölkerung noch unterstützt - für ihre liberalen, republikanischen und teilweise auch schon sozialketzerischen Ideen weiterhin agitieren durften.

Nach den revolutionären Bewegungen von 1848, die die alten Strukturen zwar ins Wanken gebracht, aber den Triumph der Reaktion nicht hatten verhindern können, gedieh die Schweiz, der allein es gelungen war, eine zeitgemässe Staatsordnung auf liberaler Grundlage aufzubauen, in den Augen der konservativen Grossmächte als böses Vorbild zum Ärgernis ersten Ranges. Weil die Eidgenossenschaft zudem keine Anstalten machte, die Grundsätze liberaler Asylpolitik aufzugeben, erwies sich die 1815 erfolgte Neutralitätserklärung als Born voller Tücken. Klar, dass im Interesse der Überlebensstrategie, die sich mit bedingungslosem Heldentum schlecht verträgt, dem jungen Bundesstaat trotzdem öfters keine andere Wahl blieb, als dem Druck von aussen nachzugeben.

Nach dem Scheitern der letzten badischen Erhebung, 1849, flohen etwa 9000 Aufständische vor deutschen Truppen auf Schweizer Boden, wo sie die «buntscheckige Schar politischer Glaubenshelden» (Edgar Bonjour) noch vermehrten. Das argwöhnische Ausland schnaubte bedrohlich in diplomatischer Manier. Der Bundesrat versuchte durch Internierung oder Ausweisung der revolutionären Rädelsführer und Aktivisten die Wogen zu glätten. Aber was half's, wenn sich die Kantone, die aus ihrer Sympathie zu den Idealen der Verfolgten kein Hehl machten, vielfach nachlässig um die Verfügungen des Bundes kümmerten, und die Gemeinden ihrerseits nicht ausführten, was die Kantone wollten? Auch Rorschach, damals eben im Begriff, sich als Fremdenort einen Namen zu erwerben, hatte sich wegen mangelhafter Kontrolle der Flüchtlinge vom Kanton eine Rüge eingefangen.

Weil das eingangs erwähnte Schreiben offensichtlich nicht die gewünschte Wirkung tat, wurde der badische Geschäftsträger noch in Bern mit dem Begehren vorstellig, Herwegh, der «seine auf Umsturz der bestehenden Verhältnisse gerichtete Tätigkeit»154 weiter betreibe, endlich aus Rorschach zu verjagen. Obwohl der Bundesrat diesem Wunsch, weil die umstrittene Persönlichkeit mittlerweile Schweizer Bürger geworden war, nicht willfahren konnte, erinnerte er doch die St.Galler Behörden daran, dass es nicht ratsam sei, wenn der Verdächtige «seine Agitation gegen die Ruhe und den Frieden der der Schweiz befreundeten Staate fortsetzte und zu Klagen über Störungen der inter¬nationalen Verhältnisse Anlass gäbe».155

Hotel und Poststation Krone, von J. B. Isenring um 1834
Hotel und Poststation Krone, um 1834

Es stellte sich heraus, dass der erzradikale Erfolgspoet Georg Herwegh, der mit seinen <Gedichten eines Lebendigen> (1841) und den Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz (1843) zu einer Galionsfigur des rebellischen Zeitgeistes geworden war und der vor Friedrich Wilhelm IV. eine so miserable Figur gemacht hatte, tatsächlich am 6. Juni 1850 in der Poststation <Krone> mit einer Russin abgestiegen war, um sich mit dem ehemaligen Präsidenten der Nationalversammlung, Dr. Adolf Schoder, zu treffen. Die Angelegenheit roch penetrant nach Verschwörung! In Zürich war der Schwabe Herwegh seiner kühnen Verse wegen, die «weder Staat noch Kirche, weder König noch Papst schonten»,156 der Gefeiertste unter den Emigranten:

«Reisst die Kreuze aus der Erden!
Alle sollen Schwerter werden.»157

Weil er sich aktiv in die Auseinandersetzung zwischen den Konservativen und den Radikalen eingemischt hatte und ausserdem in Verdacht geraten war, mit dem Personenkreis um den Kommunisten Wilhelm Weitling in Verbindung zu stehen, musste er Zürich 1843 verlassen. Allerdings war der Schaden für ihn, den Bürger von Äugst, nicht so gross, zumal er durch die Heirat mit einer reichen Seidenhändlerstochter sich mittlerweile des Vorteils materieller Unabhängigkeit erfreuen durfte.

In Paris erlebte er die Februarrevolution und liess sich in der Begeisterung zu einer Don Quichotterie hinreissen, die ein tragikomisches Ende nahm. Als Führer einer deutschen Legion fiel er in Baden ein und erlitt mit seinen Revolutionshelden bei Drossenbach eine schmähliche Niederlage.

Auf abenteuerlichen Wegen gelangte der glücklose poetische Feldherr, um eine peinliche Affäre reicher, von der Polizei erbarmungslos gejagt, über die Schweiz abermals nach Paris und schliesslich nach Genf, wo sich der Pechvogel durch eine leidenschaftliche Zuneigung zur Gattin des russischen Revolutionärs Alexander Herzen neue Schwierigkeiten zuzog. Es ist wahrscheinlich, dass die im Polizeibericht erwähnte Russin niemand anderer als Natalie Herzen gewesen ist.

Nicht weniger als für den skandalreichen Herwegh interessierte sich die Polizei für den Juristen und radikalen Politiker Adolf Schoder, der sich in der Frankfurter Nationalversammlung als hartnäckiger Kämpfer für die Grundrechte unbeliebt gemacht hatte. Wir wissen nicht, was die beiden in Rorschach zusammengeführt hat. Bestimmt war Politik im Spiel, obwohl sich Herwegh nach der badischen Blamage mehr mit den Naturwissenschaften als mit Tagesfragen befasst haben soll.

Bekannt ist immerhin, dass er später auch noch für die frühe deutsche Arbeiterbewegung seine Leier stimmte. Dennoch, der Wirbel um den Bestsellerautor war ziemlich überflüssig, und was die kluge <Appenzeller-Zeitung> schon 1843 über Herwegh und verwandte Literaten geschrieben hatte, besass mindestens jetzt, nachdem der Ruhm des dichtenden Revolutionärs verglüht war, volle Berechtigung: «Man darf sie nur lesen, um sich zu überzeugen, dass sie nicht sowohl Hand an den Staat, die Kirche, das Christentum, die gesellschaftliche Ordnung, als an sich selbst legen.»158

Zur Erleichterung der St.Galler Behörden erledigte sich der Fall des verdächtigen Besuches rasch von selbst, weil der gesuchte Demagoge sich auf einer «blossen Durchreise in Rorschach aufgehalten, aber keinen weiteren Aufenthalt genommen ... hatte.»159 Herwegh fand 1875 seine letzte Ruhestätte, «wie er's gewollt, in seiner Heimat freien Erde»,160 in Liestal.

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153 Schreiben der Grossherzoglich Badichen Regierung des Seekreises vom 23. Juni 1850. Staatsarchiv St.Gallen.
154 Der schweizerische Bundesrat an den kleine Rath des Kantons St.Gallen. 9. Juli 1850. Staatsarchiv St.Gallen.
155 Ebenda.
156 G. Herweg, Werke. Herausgegeben und mit einem Lebensbild versehen von Herman Tardel, Berlin 1909, S.XXI
157 G. Herweg, Aufruf 1841. Werke 1. Teil, S.38
158 Der östliche Beobachter und der Kommunismus in Bezugauf die Eidgenossenschaft. Appenzeller-Zeiting, 16.8.1843
159 Der Kleine Rath des Kantons St.Gallen an den Bundesrat, 15. Juli 1850. Staatsarchiv St.Gallen.
160 M. Locher, Das Herz an eine Karte wagen. National-Zeitung, 12.10.1974

Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.73-74
Historische Skizzen aus der Hafenstadt im hohen 19. Jahrhundert
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach

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