Altes Staad

Seebad Anker, Staad
Seebad Anker, Staad

Mit dem im Januar 1953 erfolgten Abbruch des «Anker» verschwand an unserem Seegestade wiederum ein Wahrzeichen längst vergangener Zeiten, nachdem schon vor einigen Jahren das «Schiff» und der «Ochsen» den Erfordernissen des modernen Strassenverkehrs zum Opfer gefallen sind. Die Aufhebung überzähliger Wirtschaften dürfte indessen niemand bedauert haben, wiewohl sich vor allem der Verlust der «Brauerei» in einer empfindlichen Weise bemerkbar gemacht hat. Nicht ohne wehmütige Erinnerung spricht man von jhr, denn dort befand sich der so sehr vermisste Saal, welcher inzwischen anderen Zwecken dienstbar gemacht wurde und der in der Vereinsgeschichte unserer Dorfgemeinschaf t eine nicht unbedeutsame Rolle gespielt hat. Während Jahrzehnten war er den Einwohnern eine liebgewesene Heimstätte für die Pflege kultureller Bestrebungen, wofür heute die Raumverhältnisse leider nicht mehr ausreichen. Der «Anker», der übrigens durch einen Neubau ersetzt werden soll, hatte seine Glanzzeiten während der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Damals, als man die Strandbäder noch nicht kannte, erfreute sich die Sommerwirtschaft mit der angegliederten Badanstalt eines regen Zuspruchs hauptsächlich aus der Stadt St. Gallen. In dunklen Kabinen; sogar seewärts gegen Licht und Sonne mit einem Vorhang verschlossen, badete man auf einem versenkbaren, in das Seewasser eingelassenen Bretterrost!

Steinhauerhütte in der Speck, Staad
Steinhauerhütte in der Speck, Staad

Wie alle anderen Gasthäuser, besass auch der «Anker» seinen Anlegeplatz für die Ledischiffe, die von jenseits des Ufers nach Staad herübersegelten, und steinbefrachtet wieder über den See schwammen. Der Sandstein, dazumal ein begehrtes Baumaterial, verhalf dem Steinbruchgeschäft zu hoher Blüte, was auch eine Erklärung dafür sein mag, dass in Staad beinahe jedes zweite Haus eine Gaststätte gewesen sein soll. Nebst den heute bekannten und noch bestehenden Wirtschaften gab es eine «Taube » (früher Bäckerei Buob), das «Schäfle» (heute Liegenschaft Arnold Reinert), die «Krone» (heute Metzgerei Stehrenberger), die «Post» (heute Liegenschaft Gerschwiler) und die « Räuberhöhle» (heute Mosterei Staad).

Als Folge der vielbeschäftigten Steinindustrie blühte auch das ansässige Gewerbe. In der Speck und auf den Rampen meisselten emsig arbeitende Steinhauer kunstvolle Bausteine, die nach allen Richtungen, sogar nach dem Ausland, versandt und allseits sehr geschätzt wurden. In den Schmiedewerkstätten von Bärlocher und Bischof schwangen Meister und Gesellen den Hammer über dem Amboss, dass die Funken nur so sprühten. In den nebenan liegenden Räumen sang die Holzfräsmaschine ihr eintöniges und doch so vertrautes Lied. Sie hatte alle Ursache, recht lange zu singen, denn Wagner Matter hatte vollauf zu tun, um die auf den rauhen Steinbruchstrassen stark mitgenommenen Karren, wieder instand zustellen.

Brückenwaage Staad, Einweihung 1901
Brückenwaage Staad, Einweihung 1901

Sattlermeister Beerli in Buchen und Bodler (später Buob) in Staad fanden ihr gutes Auskommen mit Reparaturen und Neuerstellung von Pferdegeschirren. Zu jener Zeit kehrte Arnold Künzler erfolgreich von der Weltausstellung in Wien nach Staad zurück. Seine Bienenhäuser wurden mit der höchsten Auszeichnung, den ihm von Kaiser Franz Josef persönlich überreichten 20 Gold-Dukaten, bedacht. Während Jahren fanden etliche Schreinergesellen willkommene Beschäftigung in seinem Betrieb. Der Name der Glockengiesserei Egger erfreute sich eines guten Klanges im ganzen Land. Oft kamen hohe Delegationen nach Staad, um dem Guss der in Auftrag gegebenen Glocken beizuwohnen; die Abnahme der wohlgelungenen Werke aber war jeweils ein freudiges Ereignis, an dem das ganze Dorf teilnahm.

 

 

 

Buchtitel: Rorschacher Monatschronik 1953, S.44-45
Copyright: 1953 by E. Löpfe-Benz, Rorschach

Zurück