«Wahrheit, Frieden, Schonung und Duldung aller»

Karikatur aus neuer Distelikalender für 1876
Karikatur aus neuer Distelikalender für 1876

Der mühselige Weg zur Toleranz

Die Gegnerschaft zwischen Liberalen und Konservativen war bis 1864 nur teilweise identisch mit jener zwischen den beiden grossen Konfessionen. Seit aber im genannten Jahre Papst Pius IX. den Syllabus, ein Verzeichnis von 80 <Irrtümern> aus Religion, Politik, Kunst und Wissenschaft erlassen hatte, waren die Fronten klarer, zumindest wurden Katholizismus und Konservativismus beinahe synonyme Begriffe. Mit diesem Akt hatte der Papst dem Jahrhundert und dem Protestantismus die Kriegserklärung ausgestellt und gleichzeitig seine Kirche ins Réduit befohlen, um von dort aus den mehr als aussichtslosen Kampf gegen den Zeitgeist zu führen. Die Unfehlbarkeitserklärung von 1870 bildete den Höhepunkt dieser Entwicklung, die schliesslich zum sogenannten Kulturkampf führte.

Nunmehr war es auch der kleinen Gruppe konservativer Protestanten unmöglich geworden, mit ihren politischen Gesinnungsfreunden von der andern Konfession gemeinsame Sache zu machen. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand letztlich die Frage: Wieviel Macht braucht der Staat? Es fiel der katholischen Kirche, die für sich in Anspruch nahm, Anfang und Ende der absoluten Wahrheit im Griff zu haben, begreiflicherweise schwer, von ihrem Terrain abzugeben.

Nur wenige Lebensbereiche blieben vom Kulturkampf unberührt. Die Streitereien nahmen Formen an, die in der Rückschau mehr als unglaublich anmuten. In Anbetracht der geringen Chancen, die der Ultramontanismus, wie man den konservativen und romtreuen Katholizimus nannte, tatsächlich auf die Dauer hatte, ist die kompromisslose Härte seines Standpunktes psychologisch wohl erklärbar. Für die liberalen und fortschrittlich eingestellten Katholiken standen nur zwei Wege offen: Gehorsam oder Abwanderung. Eine kleine Gruppe, die das Unfehlbarkeitsdogma nicht akzeptieren wollte, schritt zur Gründung einer eigenen, der altkatholischen Kirche. Die Liberalen ihrerseits riefen auf zum Kreuzzug für die Freiheit und gegen «katholisches Hinterwäldlertum».

Wie sollte da Rorschach von dieser bitterbösen Fehde verschont bleiben? Es gab Gelegenheiten ohne Zahl, sich fü die eine oder andere Partei die Kehle heiser zu schreien. Als infolge des Deutsch-Französischen Krieges die Italiener den Kirchenstaat besetzten, schlossen sich die Rorschacher Katholiken dem weltweiten Protest an, weil sie «jeden Eingriff in die Rechte und das Besitztum ihrer Heirnat mit ihrem Herzblute abwehren wollten.»108

Solche Argumentationen boten den Liberalen Grund, die Ultramontanen der Vaterlandsfeindlichkeit zu beschuldigen, was diese in ihrer festen Überzeugung, die ewigen Werte des Abendlandes zu verteidigen, nur noch bestärkte: «Wie von einem Hexentanz betaumelt und berückt schwärmen viele, Wahnsinnigen gleich, für ihr einziges und höchstes Ideal - die Entchristlichung des Volkes ...»109 Die Liberalen apostrophierten ihre Gegner als Dunkelmänner, denen im höheren Interesse der Menschheit unbedingt das Handwerk gelegt werden müsse: «Ihr seid die Parteigänger des Blödsinns, ihr seid die Propaganda des Unsinns, ihr ersticket die Intelligenz ... und hüllet die Menschheit ein in Nacht und Finsternis.»110 Klar, dass die Erzkonservativen dem liberalen Staate von 1848 wenig Geschmack abgewinnen konnten: «Wir müssen daher unter allen Umständen zurück zum christlichen Staate ...»,111 lautete ihre Parole, und damit meinten nichts anderes als die Wiederherstellung des konfessionellen Einflusses in möglichst allen Lebensbereichen.

Von links nach rechts: erste evangelische Kirche, Jugendkirche, zweite evangelische Kirche. Aufnahme 1904, Foto H. Labhart
erste evangelische Kirche, Jugendkirche, zweite evangelische Kirche

In Rorschach erregten zwei Begräbnisskandale weitherum beträchtliches Aufsehen. Der erste fällt ins Jahr 1865, als das katholische Pfarramt einem Verstorbenen, der es kurz vor seinem Tod abgelehnt hatte, geistlichen Zuspruch zu empfangen, kein kirchliches Begräbnis gestattete. Vier Jahre später wurde aus demselben Grunde einem angesehenen Arzt die kirchliche Bestattung verweigert. Darauf hatte die liberale Presse nur gewartet. Sie pfefferte aus allen Rohren und prangerte diesen Entscheid als «zelotisches, liebloses Verfahren»112 an. Das Begräbnis gestaltete sich zu einer liberalen Demonstration ohnegleichen: Ein Trauerzug von über 3000 (!) Personen bewegte sich zum Friedhof, wo die Geistlichkeit «die sonst üblichen Beerdigungszeremonien»113 nicht vollzog.

Jedoch: «Das Bürgertum aber lässt sich und die Seinigen nicht misshandeln; es fühlte die Pflicht, sich selbst zu helfen und vollzog den Akt brüderlicher Liebe.»114 Und nach der erhebenden Kundgebung zog man «mit viel Selbstbefriedigung von dannen»,115 ohne die Kirche betreten zu haben. Für den liberalen Kommunalpolitiker Louis Danielis war der Vorfall ein unumstösslicher Beweis dafür, dass die römische Hierarchie ausgedient habe: «Jeder möge nach seiner Facon selig werden, das geht den Staat nichts an, er sorgt bloss, brave, moralische und opferwillige Bürger zu erziehen, er greift nicht über die Grenzen der Erde hinaus, mit dem Himmel und der Hölle hat er nichts zu schaffen, das ist Sache dar Individualität und der religiösen Körperschaften».116

Neue Aufregung entstand 1874, als das Volk über die Einführung des bürgerlich geordneten Begräbniswesens abzustimmen hatte und als infolge der revidierten Bundesverfassung die Behörden die Zivilehe durchsetzen mussten.

Die nüchterne Betrachtung aus der Retrospektive erlaubt keine zweifelsfreie Parteinahme für die eine oder andere Seite. Ganz sicher ist den Konservativen in ihrem Bestreben, sich gegen die unersättliche Machtgier des Staates zur Wehr zu setzen, gesunder politischer Instinkt nicht abzusprechen. Andererseits war es die grosse historische Aufgabe des Liberalismus, der geistigen Freiheit Raum zu schaffen, der pluralistischen Gesellschaft den Weg zu bahnen. Jede Partei durfte tatsächlich einen Teil der Wahrheit für sich in Anspruch nehmen! Tragisch ist, dass die vernünftige Abgrenzung der Einflussbereiche auf so hässliche Weise geschehen musste, aber offensichtlich ist dies - wie die Geschichte stets von neuem beweist - einfach unvermeidlich.

Als man sich dann einigermassen zusammengerauft hatte, war noch der Kursus in praktischer Toleranz fällig. 1886 trat hier zum erstenmal die Heilsarmee in Erscheinung, und was geschah? In schönster Eintracht machten sich die Konfessionalisten beider Lager über die Salutisten her. Was sich diese an Beschimpfungen und Anpöbelungen gefallen lassen mussten, spottet jeder Beschreibung. Ein ganz kluger Kritiker von der zynischen Sorte schlug vor, der Heilsarmee die Kornschuppen zur Verfügung zu stellen, weil sie dort vor der Volkswut am sichersten wäre, denn im «Falle einer Überrumpelung befördern die zahlreichen Ausgänge die schnelle Entleerung des Lokals und endlich ist der anstossende See dem Akt der Wiedertaufe günstig».117

Nun, das war vor mehr als hundert Jahren, unterdessen ist die allgemeine Duldung in Sachen Weltanschauung doch weitgehend zur Herrschaft gelangt. Oder?

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Klein, hell und freundlich >> weiterlesen im Tagblatt vom 07. September 2012
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107 Titelzitat: L. C. Krauss, Offene Erklärung. Ostschweizerisches Wochenblatt, 25.3.1863
108 Einladung an die Katholiken des Bezirks Rorschachs. Ostschweizerisches Wochenblatt, 27.10.1870
109 Etwas zum Nachdenken. Rorschacher Bote, 23.3.1876
110 Wider die Kultur der <St. Galler Zeitung> IV., Der Rorschacher Bote, 31.7.1877
111 Zurück zum christlichen Staate. Der Rorschacher Bote, 25.8.1877
112 Ostschweizerisches Wochenblatt, 9.3.1869
113 Die bürgerliche Begräbnisfeier von Dr. Stefan Hüttenmoser. Ostschweizerisches Wochenblatt, 11.3.1869
114 Ebenda.
115 Ebenda.
116 L. Danielis, Zur Aufklärung. Ostschweizerisches Wochenblatt, 13.3.1869
117 Der Rorschacher Bote, 11.2.1886

Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.57-59
Historische Skizzen aus der Hafenstadt im hohen 19. Jahrhundert
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach

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