«Die Wasser der Trübsal sind hoch emporgestiegen ...»

Kloster St. Scholastika von Westen, um 1870, Stahlstich
Kloster St. Scholastika von Westen, um 1870, Stahlstich

Von der schwierigen Lage der Kirchen

99 Dieser Klage aus einem Hirtenbrief von 1873 scheinen die historischen Tatsachen auf der ganzen Linie zu widersprechen. Betrachtet man die Situation im damaligen Rorschach, gewinnt man den Eindruck, das Leben beider Konfessionen habe nach 1850 nur Höhepunkt an Höhepunkt erlebt. Um 1900 standen hier drei Kirchen, zwei katholische und eine protestantische, dann gab es das Kloster Scholastika und mehrere Andachtslokale. 1854 feierte die 250 Seelen zählende evangelische Kirchgemeinde im Refektorium von Mariaberg nach mehr als 300 Jahren ihren ersten Gottesdienst.

Eisenbahn und Fabrikwesen hatten die Zahl der Protestanten stark anwachsen lassen. 1855 legten sie ihren eigenen
Friedhof an, der bereits 21 Jahre später erweitert werden musste. Im September 1862 weihte die junge evangelische Gemeinde ihre erste Kirche ein. Weil beinahe die Hälfte ihrer Gemeindeglieder deutsche Staatsangehörige waren - die Führung der Industriebetriebe lag fast ausschliesslich in deren Händen - beschloss sie 1874, den «niedergelassenen evangelischen Ausländern Stimm- und Wahlrecht einzuräumen».100

Das von Johann Christoph Kunkler erbaute Gotteshaus war bald zu klein, und 1900 fasste die Gemeinde den Entschluss, einen Kirchenneubau zu wagen. Man einigte sich nach ausgiebiger Diskussion auf einen Zentralbau, der zum Ausdruck bringen sollte, dass die Predigt im Mittelpunkt des Gottesdienstes zu stehen habe. Den angestrebten Gesamteindruck beschreiben diese Verszeilen aus der Zeitung:

«Hehrer Bau mit weiten Hallen,
Thurm der unsre Burg bezeugt
...»101

1904 war das Werk vollendet, und der ungeheure Optimismus, der damals die Gemeinde beseelte, offenbart sich in der Frage: «Werden diese 940 Plätze noch nach 25, 20 oder gar 10 Jahren genügen?»102

Nicht weniger als in der evangelischen Kirchgemeinde regte sich freudiges Leben bei den katholischen Mitchristen.
Renovierung bei der Pfarrkirche und Erneuerung der Klosterkirche von Scholastika waren dafür markante Zeichen, und weil auch die katholische Kirchgemeinde an Seelenzahl zunahm, drängte sich der Bau einer Kirche für den Kinder- und Jugendgottesdienst auf. 1896 erfolgte die Grundsteinlegung für die neugotische Jugendkirche.

Kolumbanskirche von Süden, Aufnahme um 1880 von Max Taeschler
Kolumbanskirche von Süden, Aufnahme um 1880

Lässt all diese Regsamkeit nicht den Schluss zu dass die christlichen Bekenntnisse sich grösster Nachfrage erfreuten?
Zu sehen waren ja nur triumphierende Kirchen, Christengemeinden, die augenscheinlich im Kielwasser der allgemeinen Begeisterung der Zeit einer fröhlichen Zukunft entgegensteuerten. Weshalb also das Lamento? Der Schein trog. Hinter prachtvollen Fassaden verbarg sich ein äusserst gefährdetes Innenleben. Es war einfach nicht mehr abzustreiten: Die massgebenden Zeittendenzen setzten dem Geiste des überkommenen Christentums von Tag zu Tag mehr zu. Man macht sich keiner Übertreibung schuldig, wenn man mit der Erklärung aufwartet: Es ist in erster Linie die Notwendigkeit zur Verteidteidigung gewesen, die in den Kirchgerneinden so viel fruchtbare Kräfte aktiviert hat. Die Säkularisierung, des Zeitalters liebstes Kind, hat den traditionellen Glauben dazu gezwungen, sich nach allen Seiten zur Wehr zu setzen. In seinem weitverbreiteten Werk «Der alte und der neue Glaube» hat einer der massgebendsten Denker des Jahrhunderts, David Friedrich Strauss, ganz offen die Frage gestellt: «Sind wir noch Christen? und darauf die ehrliche Antwort erteilt: «Wir sind keine Christen mehr.»103 Das war die Atmosphäre der Zeit!

Die Zahl derer, die sich den Kirchen entremdeten, mehrte sich - und noch schlimmer, es gewann jener Chor an Stärke, der den offenen Atheismus verkündete. Und neben alle dem der Aufstieg der Reformbewegung, welche für ein Christentum einstand, das für viele ein schockierend ungewohntes Antlitz zeigte, sagte sie doch der naiven Wortgläubigkeit Valet und relativierte die Dogmen ohne allen Respekt. Nicht wenige reformerische Theologen liessen das Christentum nur noch als Sittenlehre gelten. Die aufblühende Naturwissenschaft demonstrierte gegenüber der Metaphysik offene Verachtung und huldigte dem primitiven Kult von <Kraft und Stoff>.

Ihrer freiheitlichen Struktur wegen fiel es der protestantischen Kirche wesentlich leichter, sich mit den Zeiterscheinungen ins Finvernchmen zu setzen als dem Katholizismus, der als straff gegliedertes, hierarchisches Gebilde, wo immer angriffen, als Ganzes in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wir begreifen, dass sich die Papstkirche vom Zeitgeist am ärgsten bebt fühlte, und sie teilte dieses Unbehagen mit einer kleinen Gruppe fundamentalistisch gesinnter Protestanten. Diese Kreise wähnten sich mitten im Kampfe gegen den Antichristen: «Der Stempel, den die Hand des Ewigender gegenwärtigen Zeit aufgedrückt hat, ist der scheinbar siegreiche Kampf der Weltmächte wider die Kirche.»104 Gegenüber dem schnaubenden Tier der Offenbarung - auftretend im Gewande des Liberalismus - schlossen die Konservativen - katholischerseits in der Mehrheit, protestantischerseits in der Minderheit - ihre Reihen enger und machten mobil.

Erste evangelische Kirche in Rorschach, eingeweiht 1862
Erste evangelische Kirche in Rorschach 1862

Mindestens seit der Aufhebung des Stiftes St.Gallen (1805) fühlte sich die katholische Majorität unter dem Zwang zur
Verteidigung, und die Ereignisse der folgenden Jahrzehnte, die den Liberalen Sieg um Sieg brachten - es sei nur an den Sonderbundskrieg erinnert - erzeugte in ihnen jenes gefährliche Stimmungsgemisch aus Märtyrertum und Angst.

Im Kanton St.Gallen, der als heterogenes Kunstgebilde besonders komplizierte konfessionelle und parteipolitische Verhältnisse aufwies, prallten die <Philosophien> bei jeder Gelegenheit mit ungeheurer Wucht aufeinander, und es ist bei den meisten Konflikten kaum mehr auszumachen, ob sie eigentlich auf religiöse oder auf politische Motive zurückzuführen waren; in der Regel bildeten beide einen unentwirrbaren Knäuel.

Den Hauptschauplatz der Kämpfe gab neben dem Verfassungswesen die Schule ab, durch deren Kontrolle sich die Parteien die Zukunft sichern wollten. Für uns Heutige ist es wahrhaft erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit die Schule von den Parteien als Umschlagplatz fir ihre Ideologien in Anspruch genommen wurde. Die Kompromissverfassung von 1861, die die konfessionellen Schulen bestehen liess, aber dem Staat darüber die oberste Aufsicht zusprach, war nicht mehr als ein Waffenstillstand, denn die Liberalen machten keinen Hehl daraus, dass sie die gänzliche Wiedereroberung des Erziehungswesens anstrebten.

Wie stark das liberale Element bei den Protestanten tonangebend war, enthüllt etwa der Entscheid der evangelischen Kirchgemeinde Rorschach, die 1865 davon absah, eine eigene Schule zu unterhalten. Begründung: «Wie das ganze Streben der Zeit auf die Niederreissung alter und veralteter Schranken und Hemmnisse in allen Gebieten des materiellen und geistigen Lebens ... gerichtet ist, so muss auch die Volksschule ein Institut werden, das keine Konfessionen, sondern nur noch Schüler kennt.»105

Wenn da und dort die Bereitschaft zum friedlichen Zusammenleben mit grosser Geste demonstriert wurde, war das leider häufig nicht mehr als ein verbaler Tribut an die Vernunft. So hier 1863, als beide Konfessionen am selben Tage ihre neuen Geistlichen ins Amt einsetzten und bei einem gemeinsamen Nachtessen versicherten, «dass das
jetzige aufblühende Rorschach keine Intoleranz mehr verträgt, sondern gerade durch das Vorhandensein beider
Konfessionen gelernt hat, sich geistig und gesellschaftlich auf einem freien Boden zu bewegen.»106 Schön wär's gewesen! Im Untergrund schwellte der Konflikt weiter, und es genügten die geringfügigsten Anlässe, um die Szenen wieder in Brand zu stecken.

Weiterlesen im vorherigen / nächsten Kapitel.

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99  Die Märtyrer der Gegenwart. Ostschweizerisches Wochenblatt, 11.9.1873
100
Ostschweizerisches Wochenblatt, 26.11.1874
101 Am Bauplatz für die neue evangelische Kirche in Rorschach. Ostschweizerisches Wochenblatt, 23.8.1900
102 Gedanken über und Wünsche an die neue evangelische Kirche in Rorschach, Ostschweizerisches Wochenblatt,
      28.7.1900
103 D. F. Strauss, Der alte und der neue Glaube. Leipzig 1872, S.13 und S.90
104 Rückblicke Rorschacher Bote, 19.1.1877
105 Lokales. Ostschweizerisches Wochenblatt, 13.6.1865
106 Ostschweizerisches Wochenblatt, 5.6.1863

Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.54-56
Historische Skizzen aus der Hafenstadt im hohen 19. Jahrhundert
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach

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