Die Rorschacher Tabakfabriken

Die älteste Tabakfabrik am Mühlbach (links unten). Ausschnitt aus Tafel I des Rorschacher Atlasses des Stiftsarchivs St.Gallen (Band 1350).
Die älteste Tabakfabrik am Mühlbach

Dass es in Rorschach Tabakfabriken gab und davon vier fast gleichzeitig zwischen 1840 und 1870, mag deshalb erstaunlich erscheinen, weil der Rohstoff in der Nähe nicht angebaut wurde und zumeist aus Uebersee eingeführt werden musste. Als nächster kam der veredelte Pfälzer Tabak in Frage. Wie heute Zigaretten, waren vor 100 Jahren Zigarren beliebt. Zigarrenfabriken schossen gleich Pilzen aus dem Boden. Sie versprachen einen hübschen Gewinn. Doch wie heute um die Zigarettenmarken war damals der Wettstreit um die bekömmlichste Zigarre sehr gross. Eine Kleinigkeit konnte manchmal den Geschmack des Publikums beeinflussen. Ein Beispiel. Als bestes Deckblatt galt das Wurzelblatt der Tabakpflanze. Da durch Regen erdige Teile aufgespritzt wurden, die haften blieben, erhielten diese Blätter Flecken als empfehlendes Zeichen. Hatte das Erzeugnis dieses Zeichen nicht, half man nicht selten nach, indem man der fertigen Zigarre mit Salpeter- oder Schwefelsäure künstliche Flecken verschaffte.

In diesen Fabriken wurde manuell und maschinell gearbeitet. Nach dem Sortieren und Befeuchten der Tabakblätter wurde der Wickel (oder die Einlage) vom Wickelmacher auf Tischen zwischen Holzplatten oder auch mit Maschinen gerollt, mit dem Umblatt umwickelt und schliesslich vom Zigarrenmacher mit dem von einer besseren Tabaksorte stammenden Deckblatt in Spiralform umhüllt. Die Spitze wurde besonders sorgfältig zwischen den Fingern gedreht und mit einem Klebstoff aus Stärke und Zichorie befestigt. Jede Fabrik benötigte ein Lager, in dem die Zigarren zufolge genau befristeter Nachgärung an Aroma gewannen. Die besten Zigarrentabake lieferte damals die Havanna- Ebene auf Kuba. Ob die Rorschacher Firmen auch Schnupf- und Kautabake herstellten wissen wir nicht.

Ein solches Unternehmen wird erstmals 1777 erwähnt (Stiftsarchiv , Rubr. 66, Fasz. 9). Da wird vom Kloster gestattet, unter des Gotteshauses Mühle in der Hub (unter dem Werkhof des Bauamtes) eine Tabakfabrik zu errichten gegen 4 Gulden Ehehaften und Grundzins und unter der Bedingung, «dass der untern Walke (beim Kasino) kein Schaden geschehe und nichts das Wasser verunreinige» (s. Abb.). Unter Ehehaften (ehe von êwa = Recht) verstand man Bewilligungen zum Betrieb gebannter, d. h. nicht freier Berufe und Gewerbe, die vom Grund- oder Gerichtsherrn gegen eine Abgabe erteilt wurden. Diese Gebühren wurden sehr ungern bezahlt. Erst 1830 wurde das Ehehaftengesetz gelockert. Besitzer der Tabakfabrik war Peter Anton Danielis (173-1807), der Sohn des Giacomo Danielis aus Forni in Venetien. Nach 20jährigem Wohnsitz in Rorschach hatte Vater Danielis das Gotthausmannsrecht erhalten in Anbetracht «seines ehrlichen Herkommens, seiner guten Aufführung und seines Lebenswandels und auch auf Grund seiner Wissenschaft und Erfahrenheit in Handlungs- und Gewerbesachen ». Vater und Sohn waren nach damaligem Sprachgebrauch Materialisten, d. h. Kolonialwarenhändler. Sie widmeten sich nur am Rande dem Leinwandgeschäft. So war auch die Tabakfabrik nur eine ihrer Unternehmungen.

Wahrscheinlich zwischen 1840 und 1864, bevor das Kantonale Lehrerseminar auf Mariaberg einzog, nistete sich im Klosterbau eine Tabakfabrik ein, über die nichts Näheres zu erfahren war.

Nach den Kaufprotokollen Bd. 11, 1841 -56 des Grundbuchamtes erwarb 1852 Jacob Gechter von Nürnberg von Sanctus Bärlocher in Buchen das Haus Britt, Promenadenstrasse 87, um darin eine Zigarrenfabrik einzurichten. Das für 9350 Gulden erworbene Gut samt den Reben im Steigrüeble (beim Robinsonspielplatz) grenzte an die Mariabergstrasse. Das Wohnhaus hiess damals noch nicht «Friedberg», sondern «Zur frohen Aussicht», was einleuchtet, wenn man in Betracht zieht, dass das Mariabergschulhaus (1873 erbaut) noch nicht stand und auch nach Süden der Blick durch keine Häuser verstellt war. Die Gechtersche Tabakfabrik wurde (Gemeinderatsprot. 1868- 72) als Kaserne für die internierten Bourbakisoldaten benützt.

Auf einem Planentwurf des Rorschacher Ingenieurs Faller vom Jahre 1853 gab es an der Hauptstrasse 82 und 82a (Ecke Hauptstrasse/Jakobstrasse eine Tabak - Manufaktur Ehringer. Die Herren Florenz und Franz Josef Ehringer, Bürger von Zellwiller in Frankreich, beide wohnhaft in Rorschach, hatten schon 1846 von Ulrich Troxler das danebenstehende Haus, das «Wirtshaus zum Ochsen» (früher Metzgerei Vogt, dann Bänziger) mit Pfisterei (Bäckerei) und Scheune für 6000 Gulden gekauft.

Der gleiche Plan von 1853 verzeichnet an der Hauptstrasse 90, 90a, und 90 b (hinter Metzgerei Künzler) eine Tabakfabrik Wunderlich. 1868 übernahm sie ein Fabrikant Burgezzi.

Der lange Wohntrakt zwischen Bad- und Marmorstrasse (Badstrasse 3), der zusammen mit den Häusern Marmorstrasse 6 und St.Galler Strasse 16 kürzlich abgebrochen wurde, um im Sinne der Altstadtsanierung einem vier- bis fünfgeschossigen Neubau Platz zu machen, hiess im Volksmund «Tabaki ». Die Nachforschung auf dem Grundbuchamt ergab, dass sich ein Herr August Frick-Wiget aus Cincinnati (USA) dieses ganze Areal in mehreren Käufen 1864-68 sicherte. 1870 kaufte er von den Herren Daniel Merian in Rheineck und Paul Faller- Reutty in Rorschach das Maschinengebäude für 5000 Franken. Rorschacher Bürger geworden, verkaufte Frick Boden und Fabrikgebäude 1900 dem Baugeschäft J. Bischofberger & Co. Somit dürfte diese Tabakfabrik 30 Jahre lang in Betrieb gewesen sein.

Die ersten Bahnangestellten der 1850er und 1860er Jahre waren noch schlecht besoldet, deshalb gestattete man ihnen bzw. ihren Frauen einen Nebenerwerb, z. B. einen Zigarrenladen. Inspektor Jakob Strub, der von 1876-1921 im Bahndienst gestanden hat, erzählte, dass Portier Niklaus Hardegger nebenbei auch Zigarren verkaufte, die er in der hintern Rocktasche seines grünen Uniformrocks mit sich herumtrug. Sagte man ihm: «Portier, geben Sie mir noch eine Zigarre! », stellte er stets die Frage: «Raukorella oder Kuba?» Böse Zungen behaupteten aber, der Unterschied der Sorten habe nur darin bestanden, dass er entweder von der linken oder von der rechten Seite her in die gleiche Rocktasche gegriffen. Zu seiner Ehre muss jedoch erklärt werden, dass er in seinem «Laden», wie er sein Geschäft nannte, wirklich zwei Sorten führte.

Damals hielt auch mancher Stationsvorstand am Billettschalter ein Kistchen Zigarren bereit, damit er einem Billettkäufer statt eines Fünfers oder Zehners Herausgeld nach Wunsch eine oder zwei Zigarren verabfolgen konnte. Dies wurde dann anfangs der siebziger Jahre abgestellt.

Text: Richard Grünberger, Monatschronik Dezember 1969

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