Von der Neuordnung der Dinge

Rorschacher Hafen um 1870 (Radierung von Alexis N. Perignon)
Rorschacher Hafen um 1870 (Radierung von Alexis N. Perignon)

Der Szenenwechsel, der sich im 19. Jahrhundert vollzog, war radikal. Wo das Alte nicht von selber in Trümmer fiel, wurde es ohne Rücksicht und Pietät gewaltsam überwunden. Ein neuer Geist machte sich stark, der Glaube an die Pflicht des Menschen, sein Geschick selbst an die Hand zu nehmen. Dass der Mensch das einzige und wirkliche Subjekt der Geschichte sei, war der massgebende Leitsatz des neuen Bewusstseins, der einen gewaltigen Emanzipationsprozess in Gang setzte, dessen Dynamik noch heute anhält. Es begann die planmässige Organisation des Lebens, die nichts mehr dem Zufall oder der göttlichen Fügung überlassen wollte. Der Zeitgeist drängte danach, die Gedanken, welche die Aufklärung in die Welt gesetzt hat, Fleisch werden zu lassen, es galt nun, die Ärmel zurückzukrempeln und sich an die Arbeit zu machen. Darf man das 18. Jahrhundert mit Fug als ein Zeitalter der hohen Ideale und schönen Theorien bezeichnen, so mit Recht das folgende als eines der nützlichen Taten. Ein bekannter Kulturkritiker bewies 1872 die Tauglichkeit seiner Beobachtungsgabe, wenn er feststellte: «Die Menschen von damals waren Träumer und Schwärmer, wir sind Realisten und Geschäftsleute.»2 Mit diesem allmächtigen Willen, den Lauf der Geschichte dorthin zu lenken, wo das handfeste Glück zu winken schien, kam das Mittelalter mit seiner Mentalität der Ergebenheit eigentlich erst zu seinem Ende.

Der Ausbruch aus allen Bindungen war begleitet von Optimismus und Fortschrittsglauben: «Die Welt ist dergestalt im Fortschritte begriffen, dass das Wort <Rückschritt> in alle Winde verklungen ist und wie ein altes Manuskript sich ins Archiv der Geschichte hat flüchten müssen.»3 Und weil die neue Generation das Heil vornehmlich in der Verbesserung der materiellen Lebensumstände suchte, übernahm die Wirtschaft die  führende Rolle, oder anders ausgedrückt, die Energie der Zeitgenossen konzentrierte sich auf die ökonomische Produktivität.

Die neue Wirtschaft orientierte sich nicht mehr am engen Bedürfniskreis der Familie oder des Dorfes, sie nahm den ganzen Globus in Griff. Mit dem fürchterlichen Dröhnen und Schnauben der Dampfmaschine hielt eine allgemeine Betriebsamkeit Einzug, der gegenüber alles, was bisher Bewegung auf die Bühne der Weltgeschichte gebracht hatte, sich wie das schüchterne und zugleich rührende Brimborium eines Dilettantentheaters ausnimmt.

Die endgültige Überwindung aller Übel, die die Menschheit seit urdenklichen Zeiten bedrängten, schien sich am Horizont der Geschichte abzuzeichnen, standen doch in den Maschinen auf Abruf titanische Kräfte zur Verfügung, die bloss darauf harrten, zum Wohle der Völker aktiv zu werden. Die Sache nahm dann allerdings einen etwas anderen Lauf, als naiver Optimismus verheissen hatte. Auch die idyllische Provinz Rorschach wurde vom Geist der Zeit aus dem Dornröschenschlaf gerüttelt. Durch die Gründung des schweizerischen Bundesstaates von 1848 war ein einheitlicher Wirtschaftsraum entstanden, welcher der bürgerlichen Tüchtigkeit unerhörte Chancen bot. Nun machte sich das Bürgertum daran, die hohen Werte der Freiheit in messbare Einheiten umzuwandeln. Für Rorschach brachte dieser tiefgreifende Wandel zunächst eine Identitätskrise: es musste sich abfinden mit dem Verlust seiner überkommenen Rolle als Wirtschaftszentrum der Abtei St. Gallen.

Rorschacher Hafenansicht um 1870 (Aquatinta)
Rorschacher Hafenansicht um 1870 (Aquatinta)

Nach der Aufhebung des fürstäbtischen Staates - de facto 1798, de jure 1805 - stand unserer Stadt eine unsichere Zukunft bevor, und durch die 48er-Verfassung wurde sie schlicht zu einem eidgenössischen Grenzort unter vielen andern; vom alten Glanz blieb wenig übrig. Es dauerte Jahrzehnte, bis man sich in die neue Situation gefügt hatte. Während Jahrhunderten hatten die Äbte in selbstherrlichem Regimente der Politik und Wirtschaft die Bahnen gewiesen. Und diese patriarchalisch-merkantilistische Führung des öffentlichen Wesens von oben war für die Entstehung eines liberalen, initiativen Bürgertums eher hinderlich gewesen. Hier wirkte nicht wie in vielen andern Städten, wo sich seit dem späten Mittelalter eine bürgerliche Emanzipationsbewegung gegen die alten Herren Schritt für Schritt durchgesetzt hatte, eine breite Schicht von Kaufleuten und Handwerkern, die ihre Interessen selbsttätig an die Hand nahmen. Als die äbtische Führung wegfiel, entstand ein Leerraum, der erst nach und nach durch den bürgerlichen Unternehmungsgeist gefüllt werden konnte.

Sichtbar wurde der Verlust der alten Stellung z.B. in einem Detail, in der Neuordnung des Zollwesens. Es gab Probleme, bis man mit der bitteren Tatsache fertig geworden war, dass ein eidgenössischer Beamter im Kornhaus über die Interessen der Rorschacher hinweg die Zolleinnahmen für den Fiskus in Bern kassierte.

Die <Appenzeller-Zeitung> machte 1852 ihrem Verdruss über das <Zollunwesen> in Rorschach Luft und bezichtigte die Bundesbeamten der perfidesten Willkür. So wusste sie von einem Landsmann zu erichten, der nach zwölf Jahren Auslandaufenthalt in seine Heimat zurückkehren wollte und dabei in Rorschach Fürchterliches zu überstehen hatte: Kiste um Kiste wurde geöffnet, «alles sortiert, gewogen und so taxiert, dass die Zollsumme für sämtliche Effekten auf 65 fl. und 22 kr. stieg. Umsonst protestierte der kranke Familienvater gegen solche Erpressung.» Und scharfsinnig folgerte dann die freiheitlich gesinnte Zeitung, es scheine, «als hätten es die eidgenössischen Zollbeamten in Rorschach darauf abgesehen, so viel als möglich die Leute zu schröpfen und die Zollkasse zu spicken.»4 Fürwahr, es lag den Herren in Bern offenbar nicht viel daran, dem ehrwürdigen Hafenort sein traditionelles stolzes Selbstverständnis zu erhalten.

Kein Wunder, dass schlaue Köpfe versuchten, das gestrenge Gesetzesauge nach Möglichkeit zu umgehen, wie etwa jener Knecht aus Wolfhalden, der 1854 im Gemeinderat zur Sprache kam, weil er mit seinem Stück Vieh einfach beim Zollamt vorbeispaziert war, ohne dem Vertreter der hohen Staatsgewalt die Ehre anzutun, sich und seine Kuh der schuldigen Kontrolle zu unterwerfen.

Trotz dieser lästigen neumodischen Einrichtungen herrschte im Rorschacher Hafen ein reges Leben; der Kornhandel blühte wie nie zuvor.

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2 J. Scherr, Hammerschläge und Historien. Zürich 1872. S.14
3 Ein Rückschritt. Der Wahrheitsfreund, 1.3.1850
4 Zollunwesen in Rorschach. Appenzeller Zeitung, 30.8.1852

Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.9-11
Historische Skizzen aus der Hafenstadt im hohen 19. Jahrhundert
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach

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