Rorschacher von Piraten überfallen

Historiker Louis Specker informierte die Zuhörer im «Treppenhaus» unter anderem über das Leben und Wirken der Familie von Bayer. Bild: Peter Roos
Historiker Louis Specker informierte im «Treppenhaus»
Historiker Louis Specker entführte 85 Zuschauer beim zweiten Treppenhausgespräch auf einen spannenden virtuellen Rundgang. Er beleuchtete dabei vier ausgewählte Häuser der südlichen Rorschacher Hauptstrasse.

Das Veranstaltungslokal im Treppenhaus Rorschach stiess an seine Kapazitätsgrenzen, und zahlreichen Besuchern blieb nur ein Stehplatz. Im Rahmen der zweiten Treppenhausgespräche des Kulturhistorischen Vereins Region Rorschach veranschaulichte Louis Specker vor allem Leben und Wirken der Familie von Bayer, Erbauerin des heutigen Rathauses.

Aufschwung und Niedergang

«Im 18. Jahrhundert erlebte Rorschach ein goldenes Zeitalter. Der Leinwandhandel florierte und zahlreiche Kaufleutefamilien kamen zu grossem Wohlstand. Die Familie von Bayer, auch im Finanzgeschäft tätig, wurde zum unentbehrlichen Geld- und Ratgeber der Fürstäbte, deren Gunst sie während Jahrzehnten genossen. Ihr Beitrag zur Festigung des feudalen Regimes war nicht gering, und so wurde die Familie von Bayer vom römisch-deutschen Kaiser Karl VI. 1717 in den Adelsstand erhoben», weiss Louis Specker zu berichten.

Übertragen auf die heutige Zeit lassen sich Parallelen ziehen. Die von Bayers waren offenbar systemrelevant und mit dem Adelstitel sozusagen unwiederbringlich in die Machtstrukturen eingebunden worden. Es erstaunt nicht, dass mit dem Untergang des Ancien Regimes und der Auflösung der Fürstabtei St.Gallen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch das regionale Imperium der von Bayer zerfiel. Mit Napoleon hatte man offenbar nicht gerechnet.

Häuser lebendige Zeitzeugen

«Im Rathaus und im angebauten Haus zum Falken sind immer noch wertvolle barocke Ausstattungen zu bewundern», berichtet Louis Specker und lässt anhand ausgewählter Bilder mit Rokokoputten, dem Prunkofen im Rathaus und einem fingierten, köstlich vorgetragenen französischen Dialog zweier «Adelsdamen» an einem Hausfest der von Bayers die barocke Blütezeit dieser Häuser und seiner Bewohner erleben.

In den Händen von Piraten

So gar nicht in dieses höfische Bild passt die Geschichte von Leutnant Georg Ludwig von Bayer. «Ein stift-st.gallisches
Fähnlein stand ununterbrochen in spanisch-neapolitanischen Diensten, darunter befanden sich stets auch einige Rorschacher. Im Jahre 1729 fuhren der Leutnant, seine Frau und ein Trupp Soldaten von Genua nach Barcelona. Kurz bevor sie das Ziel erreichten, wurde ihr Schiff Opfer eines blutigen Piratenüberfalls und die Gefangenenschar nach Algier verschleppt. Über komplizierte Lösegeldverhandlungen kamen die meisten, so auch Georg Ludwig von Bayer und seine Frau, nach dreimonatiger Gefangenschaft wieder frei», erzählt Louis Specker. Diese Piratengeschichte hat übrigens ein Soldat, der die Odyssee miterlebte, auf fünf originell gemalten Ölbildern festgehalten. Die Bilder sind im Besitz des Heimatmuseums Rorschach.

Mit weiteren Geschichten zum zwischenzeitlichen Bischofssitz von 1824 bis 1833 im Kettenhaus und zum Welt-Biographen, dem ersten Kino in der Ostschweiz, kommt die Zeitreise wieder in der Gegenwart an. Für den unterhaltsamen Lokalgeschichteabend bedankt sich das Publikum bei Louis Specker mit einem grossen Applaus.

Text: Martin Buschor
Bilder: Peter Roos
Artikel Publiziert im St. Galler Tablatt vom Dienstag, 26. Januar 2016, Seite 27, Region Rorschach

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