Wohnen, wo sich Europas Adel traf

Villa Mariahalden 1853-1941. Erbaut durch Kantonsrat Dominik Gmür. Vom 6. August bis 16. November 1914 Aufenthaltsort von Wassily Kandinsky.
Villa Mariahalden 1853-1941. Erbaut durch Kantonsrat Dominik Gmür.

Die Mariahalde gehörte einst der Urururgrossmutter des heutigen Fürsten von Monaco. In der Villa auf dem über 100'000 Quadratmeter grossen Gut von der Grenze mit Rorschach bis zur Blumenstrasse war Europas Adel häufig zu Gast.

«Wir schauten als Buben ehrfürchtig über die Mauer zur vornehmen Villa hinauf», erinnert sich der 90jährige Goldacher Bruno Bulgheroni. Auch älteren Rorschachern, die als Kindergärtler im prächtigen Park spazieren durften, sind die Wege und Blumen noch gegenwärtig: Linden, Buchen, Zedern, Tulpenbäume, Akazien, Trauerweiden, Silberpappeln, Magnolien, Palmen und eine Fülle von Fliederbüschen oder Goldregen umgaben die Villa dicht an der St. Gallerstrasse. Viele Wege, gesäumt von Bogen und Girlanden aus Hunderten von Rosenstöcken, führten durch den im englischen Stil angelegten Park. Unter Platanen stand die Marienkapelle. In einem der Wäldchen befand sich ein russisches Kegelspiel. Ein Springbrunnen sprudelte vor der Statue einer Göttin. Von der grossen Terrasse auf der Ostseite der Villa muss sich ein überwältigender Blick über den See und über Rorschach zu
den Vorarlberger Alpen geboten haben, denn trotz seither entstandener Bauten ist die Aussicht von der kleinen Anhöhe des Gutes noch heute beeindruckend. Ein 1905 erstellter Plan zeigt, wie weitläufig das Gut war und wie wenige Häuser damals zwischen Goldach und Rorschach standen.

Die Liegenschaft war im 19. Jahrhundert von Kantonsrat Dominik Gmür zusammengekauft worden. Die Mitte bildete ein Rebberg des Klosters, den Vadian schon 1529 in seinem Buch über die St. Galler Äbte erwähnt.

Herzogin von Hamilton

Gmür, auf Schloss Wartegg aufgewachsen, liess sich 1853 auf dem höchsten Punkt die mit Schindeln verkleidete Villa mit Turm erbauen, dazu eine Kapelle. Er war es wohl, der seine in alten Karten mit «Neuhaus» bezeichnete Liegenschaft «Marienhalde» oder auch «Mariahalde» nannte. Gmür starb 1864. Der übernächste Besitzer verkaufte das Gut 1879 an die Herzogin von Hamilton.

Sie hatte als Prinzessin Marie, Tochter des Grossherzogs Karl Ludwig von Baden, in das schottische Adelshaus Hamilton geheiratet. Wahrscheinlich war sie als deutsche Adelige befreundet mit dem württembergischen Königshaus, das sich 1868 in Goldach nahe am See die Villa Seefeld mit Badehäuschen errichten liess. Königinmutter Pauline, die mit den Prinzessinnen im Sommer in Goldach wohnte, empfahl ihr vermutlich den Kauf der Mariahalde.

Urururgrossmutter von Albert II.

Dort pflegte die Herzogin als ältere Witwe regen Kontakt mit Fürstenhäusern, so mit Kaiserin Eugenie auf Arenenberg, der Witwe von Napoleon III. Auch die deutsche Prinzessin Maria von Teck und spätere Königin Mary von England soll als Kind auf Mariahalde zu Gast gewesen sein. Die Herzogin hielt für ihre vielen adeligen Besucher über 40 Pferde und soll die Villa Flora an der St. Gallerstrasse als Gästehaus erstellt haben. Sie war die Urururgrossmutter des heutigen Fürsten von Monaco: Ihre Tochter heiratete 1869 Prinz Albert I. Als die Herzogin 1888 starb, ging die Mariahalde an ihre Tochter, die Monaco verlassen und einen Graf Festetics in Ungarn geheiratet hatte. Sie verkaufte das Gut an Spekulanten. Nach Besitzerwechseln kaufte es 1895 wieder eine Adlige, das deutsche Edelfräulein
Jeannette von Lingg.

Villa Mignon und Kandinsky

Ihr war die Villa zu gross und veraltet. Sie benützte sie für Gäste und baute für sich das heutige Haus St. Gallerstrasse 19, das sie Villa Mignon nannte. Dank Beziehungen zu Münchner Kunstkreisen muss sie mit den Malern Wassily Kandinsky und Gabriele Münter bekannt gewesen sein. Sie gewährte Münter und dem Russen bei Ausbruch des Krieges 1914 einige Monate Asyl auf Mariahalde. In der Tate Library London wird ein Brief aufbewahrt, den Kandinsky am 8. November 1914 auf Mariahalde geschrieben hat.

Gärtnerei Kundela

Für viele Goldacher ist Mariahalde gleichbedeutend mit den Gärtnern Kundela. Mathias Kundela war jahrelang Gärtner des Stickereikaufmanns Paul Kriesemer, der das Gut 1917 für 109'000 Franken von Jeannette von Lingg gekauft hatte. In der Stickereikrise musste Kriesemer 1936 an die Kantonalbank verkaufen. Kundela kaufte das einstige Dienstboten- und Stallgebäude und ein grösseres Stück Land, baute eine eigene Gärtnerei auf. «Er soll damals etwa zehn Franken für den Quadratmeter bezahlt haben», erinnert sich Margrit Kundela. Bis zum kürzlichen Umbau waren im ehemaligen Stall noch die für die Pferde der Baronin vornehm geplättelten Wände zu sehen.

Nun eine Siedlung

1941 erwarb der Bruggmühle-Prokurist und spätere Getreidehändler Ernst Hofer das Gut. Er liess das 90jährige Herrschaftshaus und die Kapelle 1941/42 abbrechen und 1945 ob dem früheren Rebberg die neue Villa bauen. Diese ist nun mit dem Projekt «Goldpark» für Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser ebenfalls dem Abbruch geweiht. Die künftigen Bewohner werden auf einem Gelände leben, das einst jahrzehntelang Adligen vorbehalten war. Ob auch Fürst Albert II. von Monaco auf dem Besitz seiner Urururgrossmutter Wohnanteile erwerben wird?

Text: Otmar Elsener
Originalartikel im Ostschweizer Tagblatt vom 29. Dezember 2007
Bild oben rechts: Aus Buch «Goldach ausvergangenen Tagen» von Josef Reck, S.101
Quellen: Monats-Chroniken OT, Buch «Goldach ausvergangenen Tagen» von Josef Reck, S.100-104

Standort Villa Mariahalden zeigen auf Geoportal Siegfriedkarte 1888, Orthofoto.

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