Carl Michael Heer (*1838 - †1886), Textiltechniker, Rorschach

Carl Michael Heer, Textiltechniker
Carl Michael Heer

* 10.04.1838 in Rorschach
† 01.12.1886 in Kriens

Carl Michael Heer stammt aus der Gerber-Familie Heer1, welche ab 1678 bis zum Ende des Ancien Régimes im Unterdorf zu Rorschach das Handwerk ausführte (Haus «Alte Gerwe», heute Löwen-Pub, Hauptstrasse 92).

Carl war das zweite von 13 Kindern des Johann Georg Heer, Gerichts- und Gemeindeschreiber in Rorschach (Erbauer des Hauses Simonstrasse 7) und der Anna Maria Burgstaller. Sechs seiner Geschwister starben im Kindesalter. 1855 begann Carl eine Schlosserlehre in der mechanischen Werkstatt von Roman Schiller an der Buchgasse (Areal des heutigen Autoparkplatzes östlich der Kolumbanskirche). Nach drei Jahren schloss er die Ausbildung erfolgreich ab und blieb noch ein weiteres Jahr dort tätig, nachdem  der Lehrmeister kurz vor Carls Lehrabschluss verstorben war. Dann folgten Wanderjahre in der Schweiz, während denen er in verschiedenen Werkstätten im Bereich Textiltechnik praktische Erfahrungen sammelte. 1862 kam er nach Kriens zu August Bell, der ab 1859 begonnen hatte, Machinen für die Fäulerei, Wäscherei, Kämmlerei und Spinnerei von Seide zu konstruieren. Nebst der mechanischen Werkstätte betrieb Bell in Kriens damals auch eine Florettseidenspinnerei mit etwa 3000 Spindeln.

Am 27.11.1865 heiratete Carl die Krienserin Barbara Mattmann. Dieser Verbindung entsprossen 10 Kinder.

1873 lud Wien zur Weltausstellung ein. Bell präsentierte dort Maschinen für die Florettseidenspinnerei. Erstmals nahm auch Japan nach der Öffnung unter dem Meiji-Kaiser an der Ausstellung teil. Mit grossem Interesse begegneten die Japaner den Bell'schen Machinen, welche es möglich machen würden, Kokons minderer Qualität gewinnbringend im eigenen Land zu verarbeiten. Bis anhin exportierte Japan entsprechende Kokons nach Frankreich und Italien. Im Anschluss an diese Kontakte und nach einer Inspektionsreise von Sasaki Chōjun, zusammen mit dem deutschen Ingenieur August Greeven zur Spinnerei in Kriens, empfahl Sasaki der japanischen Regierung, eine Florettseiden-Spinnerei aufzubauen, wie er sie in der Schweiz besichtigt hatte. Dieser Vorschlag wurde im April 1875 aufgegriffen und ein Preisangebot für Technik und Techniker bei der Firma Bell abgefordert.

Das Gebiet um Shinmachi, Kōzuka (heute Gunma-ken) wurde als Standort der Fabrik festgelegt, da die Region für die Zucht von Seidenraupen seit vielen Jahren bekannt war. Gegen Ende des Jahre 1875 lag das Projekt zur Ausführung bereit, im Januar 1876 unterzeichneten die Export-Import-Firma H. Ahrens & Co. und Kawase Hideharu, Untersekretär des Innenministeriums, den Bestellvertrag für die komplette Anlage.
Die Spinnmaschinen wurden bei Bell in Kriens und die Dampfmaschine sowie zusätzliche Maschinen bei der Sächsischen Maschinenfabrik in Chemnitz hergestellt, die später von C. F. Martin und Carl Heer installiert wurden. Gleichzeitig mit diesen Vorbereitungen begann im Februar 1876 der Bau der Fabrik.
Als Heer das Angebot erhielt, den Aufbau der Spinnerei für zwei Jahre zu betreuen, willigte er ein. Er reiste am 07.10.1876 von Kriens nach Japan weg. Sein Vertrag mit der japanischen Regierung, Ministerium des Innern, begann am 15.01.1877 und endete am 16.06.1878, wurde jedoch bis Dezember 1878 verlängert. Nachdem die Fabrik betriebsbereit war, führte er Japaner und Japanerinnen in die industriellen Tätigkeiten ein. Im Auftrag des Direktors richtet er 1878 noch eine betriebsinterne Reparatur-Werkstatt ein. Manche Werkzeuge fertigte er als gelernter Schlosser eigenhändig an.
Carl erfüllte seinen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit der japanischen Regierung. Gekrönt wurde seine Arbeit mit dem Fabrikbesuch des Kaisers in Begleitung einiger Minister.

Die gesamte Belegschaft und die Einwohner von Shinmachi verabschiedeten am 15.12.1878  ihren Lehrer, wie sie ihn nannten, in einer feierlichen Zeremonie. Sie überhäuften ihn mit Komplimenten und Aufmerksamkeiten.  Am 19.12.1878 begann die Rückreise ab Yokohama auf dem französischen Dampfer «Volga». Das Wirken von Carl Heer war ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung der japanischen Florettseiden-Industrie.

Am 02.02.1879 traf Carl nach über 2 Jahren Abwesenheit wieder in Kriens ein. Fortan arbeitete er in der Florettseiden-Spinnerei Bell als Werkmeister. Beim Prüfen einer Turbine verunglückte er 1881 und blieb deswegen bis zum Tod am 1. Dezember 1886 arbeitsunfähig.

Die staatliche Spinnerei in Shinmachi wurde 1887 an Mitsui verkauft. Heute gehört das Areal  zum Kanebo-Konzern. Die bescheidene noch erhaltene ursprüngliche Bausubstanz gilt in Japan als industriehistorisches Erbe von nationaler Bedeutung.

Eine ausführliche Biografie liegt innerhalb der Familiengeschichte2 vor.

Verfasser: Werner Heer, 2012
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1 Werner Heer: Zur Geschichte der Heer von Rorschach, SG DI Stiftsarchiv, Bibliothek, STIA JN 58
2 Werner Heer: Zur Geschichte der Nachkommen des Gerbers Johann Georg Heer von Rorschach ab 1677,
   SG DI Stiftsarchiv, STIA JN 59

Bildernachweis: Originalfotos von Werner Heer im Staatsarchiv St. Gallen, Zeichnung: Kano Yoshinobu